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Gentrifizierung in Pankow Die verdrängten Mieter aus der Varnhagenstraße! (1)

Die Varnhagenstraße ist schmal, ruhig und so kurz, dass man in fünf Minuten vom unteren zum oberen Ende gelaufen ist. Rechts und links ziehen sich Häuserblöcke wie eine Wand, vier Stockwerke hoch, weiße Kassettenfenster, oben Giebeldächer, jetzt im Herbst färbt sich der Wein an den Fassaden rötlich. Vom Spielfeld unten am Humannplatz her hört man das dumpfe Klatschen eines Fußballs, irgendwo saugt jemand Staub, sonst ist nichts zu hören.

Nela Dvorak*: Es war am 30. Juni, gegen 18 Uhr. Ich habe mich schlecht gefühlt und hatte Halsweh.

Andor Szabó*: Die kamen zu dritt, der Makler, eine Frau, ein Mann. Ich forderte dann, seinen Personalausweis zu sehen. Ich hatte meine Brille nicht auf und konnte die Schrift nicht lesen. Ich wollte den Ausweis fotografieren, um die Daten zu haben. Da fing er an zu brüllen, das dürfe man nicht in Deutschland. Er stieß die Tür auf, stieß mich ins Kinderzimmer, packte mich.

Das Kind: Ich habe alles beobachtet.

Andor Szabó: Er hat das Regal umgeschmissen, alle Pink-Floyd-CDs lagen auf der Erde.

Nela Dvorak: Ich war auf dem Weg zur Apotheke, da rief er an, das Kind weinte im Hintergrund. Ich war total schockiert.

Die Varnhagenstraße liegt im Norden von Prenzlauer Berg, also in dem Bezirk, der wie kein zweiter für Gentrifizierung und soziale Verdrängung steht, für Investoren, Makler, Touristen und Öko-Bourgeoisie. In dieser Straße spürt man davon nichts. Aber seit einiger Zeit gibt es Anzeichen, dass das nicht länger so bleibt; dass der Immobilienboom auch in diese Siedlung einsickert und das Leben der Mieter umzuwälzen beginnt. Viel Grün, viel Ruhe: Wer durch die Varnhagenstraße spaziert, kann leicht vergessen, dass er in der Großstadt unterwegs ist. Dabei liegt das Viertel mitten in Prenzlauer Berg.

Der Makler, der zu Andor Szabó und seiner Familie in die Wohnung kam, arbeitet für Accentro, ein Immobiliendienstleister mit Sitz in Stuttgart und Berlin, spezialisiert darauf, große Mietwohnungsbestände zu Privateigentum zu machen. Szabó hat Anzeige wegen Hausfriedensbruchs und Nötigung erstattet. Die Eskalation zwischen ihm und dem Makler wirkt wie ein Sinnbild für den Verteilungskampf um Wohnraum, der mit immer härteren Bandagen geführt wird.

Die Accentro AG schickt ein Statement: Die Besichtigung sei abgesprochen gewesen, die Mieterin nicht anzutreffen. Der Vertrag läuft über Nela Dvorak. Wörtlich heißt es: „Ein anwesender Herr, der nicht Mieter der Wohnung ist, habe sich laut unseres Mitarbeiters ihm gegenüber feindselig verhalten.“ Die Vorwürfe in der Anzeige weise er zurück. „Wir weisen darauf hin, dass wir uns bei einer fehlerhaften Berichterstattung rechtliche Schritte vorbehalten.“

Es ist früher Nachmittag, einer der letzten schönen Tage. Die Sonne fällt durch die Äste der Bäume, auf dem Pflaster wechseln Licht und Schatten. Eine alte Frau schiebt ihren Rollator vorwärts, in der Bäckerei Kroll an der Ecke ist Streuselkuchen im Angebot.
Britta Voss: Hier kennt man sich. Und man hilft sich. Für die alte Frau, die hier im Haus gewohnt hat, haben wir immer eingekauft.
Nela Dvorak: Es ist ungewöhnlich, dass man so viel Grün hat, fast so, als wäre man nicht in der Großstadt.
Herberg Seidel: Umziehen will ich erst, wenn ich die Treppen nicht mehr hoch-komme. Solange es geht, will ich hier wohnen bleiben. Wo sollte ich auch hin?

Die Gebäude sind denkmalgeschützt, entstanden in den späten 20er-Jahren, Bauherr war die Degewo. Von außen wirkt die Siedung, als habe sich seit Jahrzehnten wenig verändert. Aber in den Eigentumsverhältnissen spiegelt sich die Dynamik eines Mietmarkts, der aus den Fugen geraten ist. Die Degewo veranlasste bereits im April 1997 die Teilung der Anlage in Eigentumswohnungen, kurz darauf kaufte die Investmentgesellschaft HPE Hausbau den Bestand – eine Firma, die Immobilienpakete zum Großhandelspreis erwarb und anschließend Wohnungen aus dem Bestand herauslöste und weiterverkaufte.

Wer in Berlin zur Miete wohnt, ist eigentlich zehn Jahre lang geschützt vor Eigenbedarfskündigungen. Die Mieter in der Varnhagenstraße profitieren davon nicht mehr. Die Schutzfrist beginnt ab dem ersten Verkauf nach der Umwandlung in eine Eigentumswohnung, sie ist hier also längst abgelaufen. Würden sie jetzt gekündigt, blieben ihnen zwischen sechs und maximal neun Monaten, um auszuziehen. Reiner Wild, Geschäftsführer des Mietervereins, schätzt, dass es in Berlin rund 300.000 Eigentumswohnungen gibt. Bei etwa der Hälfte sei die Sperrfrist bereits abgelaufen.

In der Geschichte der Varnhagenstraße geht es also nicht nur um ein paar Mieter, die um ihre Wohnungen fürchten, sondern um die Frage, was es für eine Stadt bedeutet, dass immer mehr Mietwohnungen zu Privateigentum und Anlagevermögen werden.

Die HPE Hausbau wurde 2006 von General Electric geschluckt. 2013 übernahm die österreichische Firma Conwert das Deutschland-Portfolio des US-Konzerns mit 4000 Wohnungen. Ende März wurde Conwert wiederum von Vonovia geschluckt, dem größten Immobilienkonzern Deutschlands mit mehr als 350.000 Wohnungen – das sind etwa so viele wie in Mitte und Friedrichhain-Kreuzberg zusammen. In der Varnhagenstraße gehören dem Konzern noch 68 Wohnungen, der Rest ist inzwischen in Händen von Privateigentümern.

Auf der Mitte der Straße geht es durch eine der blau lackierten Türen hinein. Erster Stock. Links wird renoviert, eine Spur schmutziger Fußtritte zieht sich die Treppe herab, rechts hängt über der Klingel eine Plakette: „Zu Hause ist es am schönsten.“

In der Tür steht Britta Voss, eine schlanke Frau mit eckiger Hornbrille , 50 Jahre alt. Um ihre Beine springt Arnie, der Pudel. Man sieht ihr nicht an, dass sie schwerbehindert ist, nierenkrank, Dialysepatientin.

Britta Voss: Da, wo Sie den Dreck sehen, hat die Lena gewohnt. Die ist schwanger eingezogen, jetzt ist ihre Tochter gerade in die Schule gekommen. Ich habe auch Post bekommen, dass meine Wohnung verkauft wird, es gab schon eine Besichtigung.

Quelle… Berliner Zeitung vom 14.10.2017, von Gabriela Keller

Gentrifizierung in Pankow Die verdrängten Mieter aus der Varnhagenstraße! (2) Rund eine Million Wohnungen fehlen in Deutschland!

Die Wohnungen sind alle gleich gestaltet, rund 50 Quadratmeter, zwei Zimmer, ein Balkon, nach rechts und nach links, gestapelte Biografien. Nach hinten raus erstreckt sich ein Garten, ein Park fast, die Alten haben nach dem Krieg die Bäume gepflanzt.

Britta Voss: Der Makler brachte einen Interessenten. Die wollten alles sehen, waren auch auf dem Balkon, da hing meine Wäsche. Das war mir unangenehm. Sie setzt einen Tee auf, ihr Wohnzimmer ist penibel aufgeräumt, ein Buddha-Kopf hat seinen Platz im Bücherregal, Lichterketten glimmen in Orchideengestecken. Voß ist Ostberlinerin, in Prenzlauer Berg aufgewachsen. Im Mai 1991 zog sie in die Wohnung, die Miete lag bei 60 D-Mark. Heute zahlt sie 430 Euro warm.

Britta Voss: Zu DDR-Zeiten haben hier viele Lehrer gewohnt. Das waren dann alles alte Leute. Das änderte sich nach und nach, junge Leute kamen, jetzt gibt es viele Ferienwohnungen. Man merkt das. Da geht es rein und raus mit den Rollkoffern. Sie hat aufgehört, sich ihre Vermieter zu merken, so oft haben sie gewechselt. Sie muss in ihren Papieren nachsehen, da steht es, auch ihre Wohnung gehört der Vonovia. Der Name sagt vielen Leuten in Berlin nichts.

Aber das Unternehmen zählt zu den DAX 30, es ist mehr wert als die Lufthansa oder die Commerzbank. Der Bestand der Firma konzentrierte sich lange auf Nordrhein-Westfalen. Seit sie Conwert mit 24 500 Wohnungen in Berlin, Leipzig, Potsdam und Dresden geschluckt hat, zählt sie auch in in der Hauptstadt zu großen Playern.

Konzernsprecherin Vonovia: Wir haben überall dort große Bestände, wo wir große Wachstumspotenziale sehen, und da gehört Berlin ganz klar dazu.

Nela Dvorak: Wir hatten schon eine Vorahnung, dass es uns passieren würde. Wenn man nach Hause kam, standen regelmäßig Grüppchen an der Straße, die überwiegend Englisch sprachen.

Lena Finke*: Bei mir war eine Frau da, die hat meine Wohnung angeschaut. Da hatte ich noch gefragt, ganz zaghaft, ob sie einziehen will. Da hieß es noch, sie will die als Kapitalanlage. Dann kam mit der ersten Rechnung eine Mieterhöhung von 30 Euro und im Januar kam die Kündigung
Silke Leipold*: Manche der Käufer sind nett, manche sind typische Geldleute. Ich will das Ost-West-Ding nicht an die große Glocke hängen, aber es ist schon da.

Am oberen Ende der Straße stehen Andor Szabó und Nela Dvorak in ihrer Küche, neben ihnen ihr Sohn, acht Jahre. Auf ihrem Tisch ein Leitz-Ordner, eine Kaffeekanne, ein Teller mit Keksen. Die Bücherregale im Wohnzimmer reichen bis an die Decke, dazwischen ein Ledersessel, 50er-Jahre-Holzmöbel, an den Wänden Kunstdrucke. Die beiden wohnen seit knapp zehn Jahren hier, Szabó ist Architekt, er stammt aus Ungarn. Dvorak, Philosophin, Lektorin, ist gebürtige Tschechin. Zunächst fand er eine Wohnung in der Nummer 30, 180 Euro kalt, ein Jahr später musste sie aus ihrem Zimmer in Schöneberg raus, die Wohnung wurde luxussaniert, so war das schon damals.
Sie zog ein paar Häuser weiter ein, da lag die Miete schon bei 290 Euro, und weil es ihnen gefiel, blieben sie, auch als das Kind kam, teilen ihr Familienleben auf zwei Wohnungen auf. Sie zählen zu denen, die man bisher nicht mit dem Begriff soziale Verdrängung in Verbindung brachte, Akademiker, Doppelverdiener. Szabó hat an der Elbphilharmonie mitgearbeitet, jetzt ist er er bei einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft tätig; das Thema bezahlbarer Wohnraum treibt ihn um, privat, beruflich.
Im Sommer wurden vielen Mietern in der Straße ihre Wohnungen zum Kauf angeboten – zuletzt für 140.000 Euro. Szabó und Dvorak haben überlegt. Aber der Preis war ihnen doch zu hoch, und das gibt ihnen zu denken: Für diese Summe können sich die Wohnungen nicht als Anlage rentieren – jedenfalls nicht, ohne dass die Mieten deutlich steigen. Zuletzt erhielten die Mieter einen Brief von Vonovia: Das Unternehmen wolle die Wohnungen begehen, um ihre Systeme auf den neuesten Stand zu bringen.

Konzernsprecherin Vonovia: Es ist alles nicht ganz einfach, weil wir in der Varnhagenstraße von der Conwert anprivatisierte Bestände übernommen haben. Wir müssen nun zunächst die Daten migrieren, doch wir werden sicherlich irgendwann wieder in den Verkaufsprozess einsteigen.

Rund eine Million Wohnungen fehlen in Deutschland, Großkonzerne wie Vonovia oder die Deutsche Wohnen haben einen Anteil daran: Beide haben große Mengen Sozial- und Werkswohnungen aus öffentlicher Hand gekauft, saniert und dann teurer vermietet. Im vergangenen Jahr stieg der operative Gewinn bei Vonovia um 25 Prozent auf 760,8 Millionen Euro.

Herbert Seidel sitzt in seiner Küche auf der Eckbank, Spitzengardinen am Fenster, Zinnkrüge im Wandregal. Auf dem Tisch liegen ein halb gelöstes Kreuzworträtsel und ein Ordner mit Unterlagen. Herbert Seidel ist Rentner. Er zog im April 1985 in sein Wohnung, die Miete betrug 60 Ostmark. Er sagt: „Umziehen will ich erst, wenn ich die Treppe nicht mehr hochkomme. Das hier ist mein allererster Mietvertrag. Den würde ich auch nie wegwerfen, solange ich lebe.“ Das dünne Papier ist noch gut zu lesen, der Vertrag ist datiert auf den 17. April1985, die Miete liegt bei 60 Ostmark. Seidel ist ein schmaler Mann mit kurzen grauen Haaren, 71 Jahre alt, er trägt ein grünes T-Shirt, die Brille sitzt tief unten auf der Nase.
Herbert Seidel: Ich habe unten im Keller einen Hobbyraum, da steht mein Kanu drin. Hier habe ich mein soziales Umfeld, den Wanderverein, die Skatfreunde, den Paddelverein. Wenn ich hier weg müsste, dann müsste ich das alles aufgeben. Er stammt aus der Uckermark, früher hat er als Elektromechaniker gearbeitet. Er hatte noch keinen Besuch von Maklern. Aber er merkt, dass Unruhe im Haus ist, die Wohnung unter ihm wurde kürzlich verkauft. Und das ist nicht alles: Das Gebäude ist nicht gut in Stand, gerade wird das Dach saniert, ein Teil der Kosten wird umgelegt, die Mieterhöhung ist schon angekündigt.

Modernisierungen und die Umwandlungen in Eigentumswohnungen, das sind nach Einschätzung des Stadtsoziologen Andrej Holm die zwei wichtigsten Faktoren, um den Austausch von Bewohnern zu beschleunigen.

Quelle… Berliner Zeitung vom 14.10.2017, von Gabriela Seidel

Gentrifizierung in Pankow Die verdrängten Mieter aus der Varnhagenstraße! (3) Andrej Holm: „Es gibt den Begriff Supergentrifizierung, das bedeutet, wir haben die nächste Stufe der Umwälzung erreicht“

Andrej Holm: Pro Jahr werden über 25.000 Wohnungen in Berlin in Eigentumswohnungen umgewandelt. Die sind dann verkaufbar, und wenn das passiert, tickt die Uhr für die Mieter.

In Prenzlauer Berg liege die Kaltmiete im Schnitt aschon jetzt bei rund neun Euro. Wer jetzt neu vermietet, könne aber auch 16 Euro erzielen, sagt Holm. Es seien also noch enorme Sprünge möglich, und das sei ein Grund, weswegen Vermieter versuchen, ihre Mieter loszuwerden. Wieder einmal. Schon 2010 kam eine Studie zu dem Ergebnis, dass vier von fünf Menschen, die vor der Wende in den Sanierungsgebieten wohnten, nicht mehr da sind. Die Spirale aus Sanierung und Mieterhöhung dreht sich weiter.

Andrej Holm: Was in Prenzlauer Berg interessant ist – jetzt werden die Gentrifizierer der 90er und 2000er verdrängt.

Es gibt den Begriff Supergentrifizierung, das bedeutet, wir haben die nächste Stufe der Umwälzung erreicht.

Aber die Varnhagenstraße ist nicht der Kollwitzplatz; es gibt keine herrschaftlichen, pastellfarbenen Jugendstilbauten mit Stuckgirlanden, es gibt Blockrandbebauung, niedrige Decken, recht enge Zimmer.
Es gibt in der Straße keine herrschaftlichen Jugendstilbauten mit Stuckgirlanden, sondern Blockrandbebauung, niedrige Decken, Wohnungen um die 50 Quadratmeter.

Silke Leipold: Ich lebe seit 2001 hier, ich kam aus der Lychener, da war es schon damals so, dass man nicht einfach morgens aufstehen und auf die Straße gehen konnte. Ich bin nicht so der Typ, der sich zurechtmacht und gerne angeguckt wird.

Andor Szabó: Hier wähnte man sich sicher, weil es ein bisschen kleinbürgerlich ist. Ich dachte, das ist nicht interessant für Investoren.
Nela Dvorak Wir suchen uns jetzt eine neue Wohnung. Aber ich würde lieber hier bleiben, der Garten ist wirklich etwas Besonderes.
In einem Hausflur schleppt Silke Leipold Kartons voller Klamotten die Treppen hoch, Flohmarktware, die sie nicht losgeworden ist. Auch sie erhielt im Mai oder Juni einen Brief, dass sie ihre Wohnung kaufen kann. Freunde rieten ihr, das Angebot anzunehmen, aber sie scheute davor zurück: Sie wollte sich nicht für Jahrzehnte verschulden.

Silke Leipold: Ich habe abgesagt, aber der Frau von der Verwaltung geschrieben: Wenn sie irgendwie Einfluss darauf hat, dass unsere Wohnung verkauft wird, dann soll sie sich für uns einsetzen. Weil es für uns eine Katastrophe wäre, wenn wir hier raus müssten. Sie hat nie geantwortet.
Die Mieteinnahmen von Vonovia stiegen im ersten Halbjahr 2017 um 7,6 Prozent von 774,7 Millionen auf 833,2 Millionen Euro. Die marktbedingte Mietsteigerung lag bei 1,7 Prozent. Darüber hinaus konnte der Konzern durch Modernisierungen einen Mietanstieg von 1,9 Prozent realisieren.

Andrej Holm: Börsenfinanzierten Unternehmen wie Vonovia geht es darum, einen möglichst schnellen Cashflow zu generieren. Deren Denken unterscheidet sich von klassischen Wohnungsverwaltungen, die Interesse an einer stabilen Mieterschaft haben. Den börsenfinanzierten Unternehmen ist das egal, die haben Investments getätigt und wollen Rendite erzielen.

Silke Leipold, lange Zöpfe, flache grobe Stiefel, Erzieherin von Beruf, schließt ihre Wohnung auf;die Wände drinnen sind dottergelb gestrichen, da und dort Bilder von indischen Göttern mit Tiergesichtern.
Anfangs freute sie sich noch über die Veränderungen, dass nicht mehr nur Rentner hier wohnten, sondern auch Familien mit Kindern; sie hat selbst eine Tochter. Da kam bald eine richtige Bande zusammen, eine Gruppe von Kindern, die einander jeden Tag auf dem Weg in die Schule abholten.

Silke Leipold: Aber irgendwann ging es los, dass sie Wohnungen extra zeitweise haben leerstehen lassen, damit sie die Wohnungen zusammen verkaufen können.An einer Hauptstraße in Pankow schlängelt sich eine junge Frau mit kurzen Haaren und Ringelshirt zwischen Umzugskartons, Koffern und Reisetaschen durch, ihre Tochter spielt nebenan im Kinderzimmer.

Lena Finke: Das hier ist ein Glücksgriff. Ich hatte mir Wohnungen angeschaut, da stand ich mit 15 Leuten, und dann hieß es: So, kommt mal alle zusammen – Studenten, Azubis und alle, die Leistungen vom Amt beziehen, können gleich wieder gehen.
Sie macht eine Ausbildung als Tischlerin und bezieht nochHartz IV. Ihr Vermieter in der Varnhagenstraße war Privatmann, der hatte die Wohnung geerbt. Vor zweieinhalb Jahren wurde sie an die Frau aus Mitte verkauft, die jetzt darin wohnt. Als sie Anfang des Jahres ihre Kündigung erhielt, blieben ihr sechs Monate, ehe sie raus musste.

Lena Finke: Die Straße war mein Netzwerk. Wenn ich krank war, konnte ich Silke anrufen und sagen: Mir geht es schlecht, kann ich dir die Kleine schicken? Immerhin liegt die neue Wohnung so nah, dass ihre Tochter die Schule nicht wechseln musste. Sie ist ein wenig größer und heller, aber die Atmosphäre ist anders, es geht anonymer zu, man grüßt sich im Flur, das ist alles. In der Varnhagenstraße hat man nicht vergessen, wie schnell es ging, dass Lena Finke weg war.

Britta Voss: Es geht einem schon die Muffe, wenn man das mal sagen kann auf Deutsch.
Ihr ist klar, dass sie in Prenzlauer Berg keine neue Wohnung finden würde, keine jedenfalls, die sie von ihrer Rente bezahlen könnte. Und so etwas wie die Gemeinschaft hier gibt es ohnehin nur selten. Als vor ein paar Wochen die alte Frau starb, die in ihrem Haus wohnte, zweiter Stock, machte Britta Voß einen Aushang in der Bäckerei, viele Nachbarn kamen zu der Beerdigung.

Silke Leipold: Ich fahre manchmal noch um die Ecke und denke: meine Straße. Es ist so schön ruhig hier und so grün.

Britta Voss: Anderswo wird so etwas neu erfunden, Mehrgenerationenhäuser. Hier hat es sich so entwickelt. Die Kinder feiern jedes Jahr den Geburtstag von Arnie, mit Hundekeksen und Kindersekt. Draußen auf der Wiese sitzen die Nachbarn im Sommer öfter zusammen, jetzt werfen die Bäume scharfkantige Schatten aufs Gras, in den Ästen hängen noch die verblichenen Wimpel von einer Feier, ein herbstliches Stillleben. Aber die Veränderungen gehen weiter.

Manche Käufer haben in der Straße gleich zwei oder drei Wohnungen gekauft und zusammengelegt. Als nächstes zieht Andor Szabó mit seiner Familie weg; ein paar Tage nach dem Gespräch schickt er eine Mail: Sie haben ein Angebot erhalten, zweieinhalb Zimmer, ganz in der Nähe, sie haben gleich zugesagt. Bis Ende des Jahres ziehen sie um.

Quelle… Berliner Zeitung vom 14.10.2017, von Gabriela Keller

Mieterversammlung “Deutsche Wohnen” Grellstraße: Geballtes Misstrauen

Die Deutsche Wohnen SE hat Prinzipien. Und die wurden – leicht bizarr anmutend – auch bei der Mieterversammlung für den Wohnkomplex Grellstraße/Prenzlauer Allee durchgesetzt.

Die vor den Mietern bis dahin geheim gehaltene “Gemeinsame Vereinbarung über den sozialverträglichen Ablauf von Sanierungsmaßnahmen”, die Bezirksamt und “Deutsche Wohnen” für den Wohnkomplex Grellstraße/Prenzlauer Allee abgeschlossen hatten, war zur Mieterversammlung im im Tagungssaal der Pankower Bezirksverordnetenversammlung (BVV) am Montag lediglich als ein einziges, in Klarsichthüllen verpackt und auf einen Tisch festgeklebtes Exemplar zu betrachten.

Eins für rund 150 erschienene Anwohner. Warum dieses seltsame Gebaren? “Weil das ein Privatvertrag ist!”, sagt “Deutsche Wohnen”-Sprecherin Manuela Damianakis Mehr habe sie dazu nichts zu sagen.

Vertrauen schafft man so wohl nicht.

Bezirksverordnete forderten Umstrukturierungssatzung

Die Unruhe in den zwischen der Grellstraße, der Prenzlauer Allee und der Ringbahntrasse währte schon länger.

Im April hatte der Immobilienkonzern “Deutsche Wohnen” Mieterhöhungen angekündigt. Viele Mieter wollten das nicht hinnehmen und legten Widerspruch ein. Die Erhöhungen wurden auf Eis gelegt. Im Juni gab die “Deutsche Wohnen” dann bekannt, die Häuser aus den 1930er Jahren modernisieren zu wollen. Darüber hinaus sollen auf Bestandsbauten zwei Stockwerke aufgesetzt sowie ein Neubau errichtet werden.

Nicht nur die Anwohner, auch die Bezirksverordneten waren nun alarmiert. Denn zum einen wohnen dort sehr viele einkommensschwache Menschen, zum anderen steht der Konzern in dem Ruf, eine rigorose Mieten- und Verdrängungspolitik zu fahren. Nicht als Selbstzweck, sondern um die Renditeerwartungen der Aktionäre zu befriedigen.

Also forderte der Stadtentwicklungsausschuss der BVV noch in der Sommerpause vom Bezirksamt, für das in einem Millieuschutzgebiet befindliche Areal Umstrukturierungssatzung zum Schutz der Mieter zu erlassen.
Der zuständige Bezirksstadtrat Vollrad Kuhn ignorierte die Aufforderung “wegen des zu engen Zeitrahmens und aus materiellen Gründen”, wie er in einer Pressemitteilung schrieb. Welche “materiellen Gründe” es gewesen sein könnten, war nicht zu erfahren.
Stattdessen wurde vom Bezirksamt mit der “Deutsche Wohnen” eine Vereinbarung eine sozialverträglichen Modernisierung ausgehandelt, deren Wortlaut nach dem Willen des Konzerns geheim bleiben sollte. Die Prenzlberger Stimme hatte die Vereinbarung schließlich hier veröffentlicht. Sie enthält nicht viel mehr, als die gesetzlichen Bestimmungen ohnehin vorschreiben.

Bezirksverordnete forderten Umstrukturierungssatzung

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Oranienstraße Gewerbetreibende protestieren gegen Verdrängung

Die Oranienstraße in Kreuzberg schmücken weit über 100 kleine Geschäfte, von der Änderungsschneiderei über Buch- und Fahrradläden, Kneipen, Restaurants und Spätis. Laut Nachbarschaftsinitiativen versuchen Investoren und Immobilienbesitzer seit geraumer Zeit, aus dem attraktiven Kiez Profit zu schlagen. Große Immobilienfonds kaufen ganze Häuserzeilen auf und kündigen den dort ansässigen Gewerbetreibenden. Die Folge sind gescheiterte Existenzen, Einjahresverträge und steigende Mieten.

Wirksame Schritte zum Schutz der Gewerbetreibenden

Gegen die drohende Verdrängung der kleinen Läden regt sich jedoch ein starker Widerstand: Anwohner haben die Initiative ORA35 gegründet und organisieren gemeinsam mit den Nachbarschaftsinitiativen Bizim Kiez und GloReiche Nachbarschaft sowie zahlreichen Gewerbetreibenden eine Protestaktion.

87 Gewerbetreibende und Sozialeinrichtungen aus der Oranienstraße haben sich zusammengetan. Die Initiative fordert die Politik auf, wirksame Schritte zum Schutz der Gewerbetreibenden einzuleiten. Um ein Zeichen zu setzen, werden am Mittwoch, den 18. Oktober 2017 in der Zeit zwischen 17 und 19 Uhr die Schaufenster in über der Hälfte der Läden in der Oranienstraße verhängt. Auch Gewerbemieter der Seitenflügel beteiligen sich und stellen Tische und Bänke auf die Bürgersteige. Sie sollen zum Verweilen und zum Gespräch einladen.

Quelle

Steigende Mieten werden für Berliner Rentner zum Existenzrisiko

Steigende Mieten machen es Rentnern in deutschen Großstädten wie Berlin nach Einschätzung von Mieterorganisationen zunehmend schwer, ihre Wohnung zu halten. „Das größte Problem älterer Menschen auf dem Wohnungsmarkt ist sicherlich die ständig steigende Mietbelastung“, sagte Ulrich Ropertz, Geschäftsführer des Deutschen Mieterbundes. Davon seien Ältere mit geringem Einkommen besonders betroffen. Viele wohnten zudem noch in einer relativ großen Wohnung, dann machten sich Erhöhungen pro Quadratmeter besonders bemerkbar.

Senioren suchten im Regelfall nicht mehr nach einer Wohnung, sondern wollten in ihrem Zuhause bleiben. Das sei ein Vorteil im Vergleich zu jungen Menschen, stellte Ropertz fest. Allerdings sei fraglich, ob sie dazu beispielsweise angesichts höherer Mieten nach einer Modernisierung noch in der Lage sind. Oft könnten die Renten mit den Steigerungen in Städten wie Berlin, Hamburg oder Universitätsstädten nicht mithalten.

„Die Anregung erstickt im Keim.“

Dass der Mietenmarkt in Metropolen für alle Altersklassen schwierig ist, weiß auch Eveline Lämmer. Sie ist Vorsitzende des Landesseniorenbeirats in Berlin und kennt durchaus Ältere, die bereit seien, in kleinere Wohnungen zu ziehen, um Familien Platz zu machen. Kleinere Wohnungen seien bei Neuvermietungen aber oft wesentlich teurer als größere Wohnungen zu alten Konditionen. „Die Anregung erstickt im Keim.“

Dabei lebt laut Statistischem Bundesamt heute etwa jeder dritte über 65-jährige Mensch in Deutschland allein. Der Anteil der Ein-Personen-Haushalte wächst mit dem Alter. Berlins Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) sagte am Mittwoch im Abgeordnetenhaus vor rund 200 eingeladenen, älteren Menschen: Sie rate, sich zum Beispiel wegen drohender Mietsteigerungen nach einer Modernisierung dringend rechtlich beraten zu lassen. „Mieter müssen sich zusammenschließen“, sagte Lompscher. Es gebe etwa bei städtischen Wohnungsbaugesellschaften auch Härtefallregelungen.

Viele zieren sich Wohngeld zu beantragen

Nach Einschätzung des Berliner Mietervereins zieren sich viele Rentner, notfalls Wohngeld zu beantragen. Bei älteren Leuten sei die Scham, staatliche Hilfe anzunehmen, noch größer, erklärte Geschäftsführer Reiner Wild. Dabei geht der Mieterverein ohnehin davon aus, dass über alle Altersgruppen hinweg nur die Hälfte der eigentlich Berechtigten einen Antrag stellt. Manche Ältere seien auch besorgt, nach mehreren Jahrzehnten aus ihrem Kiez verdrängt zu werden.

Es gebe Fälle, wo Rentnern nach vielen Jahren gekündigt wird – etwa weil ein neuer Immobilienbesitzer Eigenbedarf anmelde, sagte Ropertz vom Deutschen Mieterbund. Das sei nicht der Regelfall, für die Betroffenen aber schwer. Wild vom Mieterverein Berlin warnte, in solchen Fällen herrsche oft ein Irrtum: „Weil viele glauben: Wenn man 80 ist, kann man nicht gekündigt werden.“ Das Mietrecht kenne aber keine Altersgrenze.

Kontakte zu Ärzten, Freunden und Bekannten – all das würde laut Wild gefährdet, wenn Menschen im hohen Alter noch einmal umziehen müssten. „Alles, was mit erzwungenem Umzug zu tun hat, wird im Alter als besonders dramatisch empfunden.“

»Wir glauben denen nichts«

Mieter in der Grellstraße sind alarmiert: die Deutsche Wohnen will ab 2018 ihre Wohnungen modernisieren – sozialverträglich, wie es heißt

Nach rund einem Dutzend Wortmeldungen dreht sich die Diskussion im Kreis. Immer wieder die gleichen Fragen hallen durch den großen Saal des Rathauses Prenzlauer Berg: »Was ist mit meinen Möbeln?«, »Wie lang dauert die Umsetzung während der Bauarbeiten?«, »Wie viel Miete muss ich nach der Modernisierung bezahlen?«, »Wie funktioniert die Härtefallregelung?«. 200 Mieter, Mieterinnen und Interessierte sind an diesem Abend gekommen, um ihre Sorgen und Ängste loszuwerden und von Manuela Damianakis, Sprecherin der Deutsche Wohnen, und vom zuständigen Bezirksstadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) Auskunft zu bekommen.

Die Siedlung ist in keinem gutem Zustand, da ist man sich wohl einig. Der Putz bröckelt von den Fassaden, teilweise werden Wohnungen und Wasser noch mit Kohleöfen erwärmt, die Stränge sind marode, die Elektrik ebenso. Die Deutsche Wohnen will ab 2018 modernisieren. Der Bezirk hat mit dem Unternehmen eine sozialverträgliche Durchführung der Arbeiten vertraglich vereinbart, einvernehmlich wird die Mieterberatung Prenzlauer Berg als Kontrollinstanz eingesetzt. Das gesamte Ensemble befindet sich in einem Milieuschutzgebiet, weswegen besonderes Augenmerk darauf gelegt wird, dass keine Mieter vertrieben werden.

Mit 110 000 Wohnungen ist die Deutsche Wohnen zum größten Immobilieneigentümer in Berlin aufgestiegen, ihr Gewinn nach Steuern betrug 2016 bundesweit rund 1,6 Milliarden Euro, elf Prozent mehr als im Vorjahr und zehnmal mehr als noch 2012. Die Aktionäre dürfte es freuen. Medien, darunter das »nd«, kritisieren jedoch seit Jahren die Geschäftspraktiken der Aktiengesellschaft. Tenor: Instandhaltungen würden hinausgezögert, um diese später als umlagefähige Modernisierungen zu verkaufen. Reiner Wild vom Berliner Mieterverein hält dem Unternehmen darüber hinaus vor, dass es in zahlreichen Gerichtsverfahren versuche, rechtswidrig Mieten durchzusetzen, die deutlich über der ortsüblichen Vergleichsmiete des Mietspiegels liegen. Es torpediere dieses Instrument seit Jahren und verunsichere Mieter.

Die Mieter in der Grellstraße sind verunsichert und wütend. Doch Unternehmenssprecherin Damianakis versucht zu beschwichtigen: »Wir machen keine Luxussanierungen und wir wollen, dass Sie alle die Möglichkeit haben, in der Anlage zu verbleiben«. Dafür habe man mit dem Bezirk völlige Transparenz und eine weitgehende soziale Abfederung vereinbart. So stelle man Ausweichquartiere in der näheren Umgebung zur Verfügung und kümmere sich um den Umzug oder stelle einen finanziellen Ausgleich bereit, falls Mieter in ihrer Wohnung bleiben wollen. Auch den eventuell nötigen Waschsalon werde man bezahlen, sagt Daminakakis auf Nachfrage. Außerdem werde auf Antrag die Modernisierungsumlage auf die Miete gekürzt, wenn der Mieter nachweist, dass die Kaltmiete 30 Prozent seines Nettoeinkommens übersteige. Genaueres solle in Einzelgesprächen besprochen werden.

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Prenzlauer Berg Bewohner trauen der Deutsche Wohnen nicht über den Weg

Die Stimmung ist gereizt. „Sie können mir nicht erzählen, dass die Wohnungen, in denen wir leben, sozialgerecht bleiben“, ruft ein Mann ins Mikrofon. Dafür gibt es Applaus von den rund 150 Mietern der Deutschen Wohnen, die am Montagabend in den Saal der Bezirksverordnetenversammlung von Pankow gekommen sind.

Die Deutsche Wohnen, größter privater Vermieter in der Stadt, präsentiert an diesem Tag ihre Pläne für die Modernisierung von 253 Wohnungen im Milieuschutzgebiet an der Grellstraße/Ecke Prenzlauer Allee.

Die Skepsis bleibt

Wieder und wieder beteuern die Vertreter des zweitgrößten börsennotierten Wohnungsunternehmens im Land, dass sie keinen Mieter verdrängen wollen, dass niemand wegen steigender Mieten nach der Modernisierung ausziehen müsse.

Doch die Skepsis bleibt. Denn nach einer Modernisierung können laut Gesetz elf Prozent der Kosten auf die Jahresmiete umgelegt werden. Und die Deutsche Wohnen ist in den vergangenen Jahren durch eine rigide Mieterhöhungspolitik aufgefallen.

30 Prozent des Haushaltsnettoeinkommens

Doch an diesem Abend präsentiert sich die Deutsche Wohnen scheinbar entgegenkommend. „Keiner von ihnen wird mehr für die Bruttowarmmiete zahlen als 30 Prozent seines Haushaltsnettoeinkommens“, sagt Sprecherin Manuela Damianakis. Das sei so mit dem Bezirk vereinbart worden.

Daran werde man sich halten. Hintergrund: Im August hat Pankows Stadtrat für Stadtentwicklung Vollrad Kuhn (Grüne) mit der Deutschen Wohnen eine „Vereinbarung über den sozialverträglichen Ablauf“ der geplanten Sanierung geschlossen. Dazu gehört eine Härtefallregelung, in der festgelegt wird, unter welchen Bedingungen die Modernisierungsumlage begrenzt werden kann.

„Irritierende“ Härtefallregelung

Das Problem: Die Vereinbarung schreibt gar nicht vor, dass die Mieter nach der Modernisierung generell maximal 30 Prozent ihres Haushaltsnettoeinkommens für die Miete aufbringen müssen. Das macht der Versammlung ein Mieter im Schlabber-Shirt klar, der das Wort ergreift.

In der Vereinbarung stehe ein Satz, den er „irritierend“ finde, sagt er. Dann zitiert er die Härtefallregelung, aus der hervorgeht, dass die Miete nur dann auf 30 Prozent des Einkommens begrenzt wird, „sofern die Mietwohnung nicht nur lediglich in einen Zustand versetzt wird, der allgemein üblich ist“.

„Ja, was gilt denn nun?“

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110.000 Wohnungen, 110.000 Renditeobjekte

Die „Deutsche Wohnen“ ist in Berlin zur größten Wohnungsgesellschaft aufgestiegen – nicht zuletzt dank großzügiger Steuergeschenke.

Die „Deutsche Wohnen“ hat es geschafft: Sie ist in Europa in den Top5 der größten börsennotierten Immobiliengesellschaften. In Deutschland ist nur noch die „Vonovia“ größer. In Berlin nicht, wo der Forscher Heinz Bontrup in einer Studie im Auftrag der Linken-Fraktion der Deutschen Wohnen eine „marktmächtige Stellung“ bescheinigt – mit mehr als 110.000 Wohnungen in der Stadt.

Profitieren kann der Konzern vor allem vom Wohnungsmangel und den deshalb steigenden Mieten. Seit 2009 stiegen die Mieten in den sieben größten deutschen Städten um 40 Prozent im Durchschnitt. In derselben Zeit sanken die Zinsen für Immobilien-Kredite um mehrere Prozentpunkte. Der Zinssturz ist für die „Deutsche Wohnen“ von existenzieller Bedeutung. Denn sie war Anfang 2016 mit fast vier Milliarden Euro verschuldet. Aber beides spielt Immobilien-Investoren in die Hände.

Der Bund wollte ursprünglich Betriebe entlasten

Zumal die Konzerne außerdem noch von Steuergeschenken profitieren. Statt wie jeder andere am Markt ein Haus oder eine Wohnung zu verkaufen (Asset Deals) mit der Pflicht dann Grunderwerbssteuer zu zahlen, stecken die Verkäufer die Immobilien in eine Firma – und verkaufen 95 Prozent der Anteile (Shares) an die Käufer. Grunderwerbssteuer wird dann nicht fällig. Beabsichtigt hatte der Gesetzgeber das so nicht. Der Bund wollte mit dieser Regelung Betriebe entlasten im Falle eines Eigentümerwechsels und durch den Verzicht auf Steuern deren Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit schonen. Nun fördert sie mit der „Deutsche Wohnen“ einen Konzern, in dem es nicht mal die gesetzliche betriebliche Mitbestimmung gibt.

Meist hielt der Mietspiegel vor Gericht stand

In Berlin geriet die „Deutsche Wohnen“ wiederholt durch Attacken auf den Mietspiegel in Verruf. Zumal Mieter dabei auch vor Gericht gezerrt wurden, um überhöhte Mietforderungen durchzusetzen. Meist hielt der Mietspiegel dem Urteil der Richter stand. Dennoch bereiten Senat und die Arbeitsgruppe Mietspiegel eine grundlegende Überarbeitung des Instruments zum Vergleich und zur Anhebung der Mieten vor. Dazu soll auch die Einstufung der Wohnlagen geändert werden. Diese hatte „Deutsche-Wohnen“-Chef Michael Zahn vor einigen Monaten im Abgeordnetenhaus stark attackiert. Das machte offensichtlich Eindruck.

Bedienen muss die „Deutsche Wohnen“ ihre Aktionäre: mit Renditen. Dazu muss sie Gewinn machen. Im vergangenen Jahr waren es 1,6 Milliarden Euro, zehn Mal mehr als vier Jahre zuvor. Weit mehr als die Hälfte des Gewinns schüttet die „Deutsche Wohnen“ an ihre Aktionäre aus. Das ist „eindeutig zu viel“, sagt der Forscher Bontrup. Denn die „überzogene Ausschüttungspolitik lässt sich nur unter einer aggressiven Mietpreissteigerungspolitik bei gleichzeitig geringer Instandhaltung der Wohnungsbestände“ durchsetzen. Einfach ausgedrückt: Die Mieter müssen immer mehr bezahlen für Wohnungen in eher schlechtem Zustand – bis die abgerockten Immobilien grundlegend saniert werden, was wiederum erhebliche Mieterhöhungen ermöglicht.

„Wir handeln nicht aus Renditegier“, sagt der Sprecher

Zahn bestreitet das alles: „Wir handeln nicht aus Renditegier“, sagte er bei einer Anhörung im Abgeordnetenhaus. Die Firma müsse aber die vernachlässigten Miethäuser etwa von der gekauften, einst landeseigenen GSW sanieren. Und dabei, das räumte Zahn ein, seien Fehler geschehen. Dass Mieter etwa ohne Heizung dastanden, erklärte er auch damit, dass die Anlagen gar nicht der „Deutsche Wohnen“ gehörten –, sondern einem Dienstleister. „Contracting“ nennt sich dieses Modell, das während der ersten Privatisierungswelle von Wohnungsbeständen gerne eingesetzt wurde, als die Finanzinvestoren noch „Heuschrecken“ genannt wurden. Solche Contracting-Verträge laufen häufig über viele Jahre.

Aber Zahn nennt es einen „Fehler“, dass die „Deutsche Wohnen“ bei Ausfällen von Heizungen etwa zunächst Versicherungsfragen habe klären wollen. Das werde sich nicht wiederholen. Versäumnisse bei der Mängelbeseitigung räumte er auch ein. Seit geraumer Zeit werde aber jeder einzelne Fall sogar im Vorstand diskutiert. Vertreiben wolle die Firma keinen Mieter. Und bei Sanierungen lege der Konzern „deutlich weniger“ als die zulässigen elf Prozent der Kosten auf Mieter um. Außerdem hätten 92 Prozent der Mieter den Sanierungsplänen für die ersten Blöcke der Otto-Suhr-Siedlung zugestimmt. Und auch an die Bundesgesetze halte sich der Konzern bei Mieterhöhungen, die soziale Härtefälle betreffen.

Im März kaufte die Gesellschaft 3900 Wohnungen

Die Einkaufstour der „Deutschen Wohnen“ ist nicht vorbei. Zuletzt hatte sie im März des laufenden Jahres rund 3900 Wohnungen und 270 Gewerbeeinheiten für 655 Millionen Euro in der Stadt gekauft: „Hochwertige Altbau-Gebäude in zentralen Lagen von Berlin, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut wurden“, hieß es damals. Die durchschnittliche Miete betrage 6,92 Euro je Quadratmeter. Ein „weiteres Potenzial zur Optimierung“ liege in den knapp sieben Prozent leer stehende Wohnungen aus dem neu gekauften Bestand.

Da stellt sich die Frage, ob auch die vermieteten Wohnungen anhand des Mietspiegels auf Spielräume zur „Optimierung“ untersucht werden.

Quelle

 

Berliner mit mittleren oder gar geringen Einkommen sind in Berlin eher NICHT erwünscht!

„In der Regel ist man natürlich bemüht einen guten Mieter zu finden. Wenn es dann noch jemanden gibt, der die Wohnung nur als Zweitwohnung haben will, steht der natürlich in der Liste ganz weit oben.“

„Wir haben Zahnärzte und Gynäkologen aus Wuppertal und aus Köln, mit einem nachgewiesenen Einkommen .. in Höhe von weit über 20 000 € netto..“

Aha, für diesen Personenkreis sind also die wenigen, halbwegs leistbaren Wohnungen vorgesehen..

Berliner mit mittleren oder gar geringen Einkommen sind in Berlin NICHT erwünscht.