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Wie ausgerechnet ein Künstlerverein im Brunnenviertel (Wien) gegen Gentrifizierung kämpft!

In der Nähe des Brunnenmarkts soll der Verein ,mo.ë‘ dem Luxus-Bauprojekt eines Immobilieninvestors weichen. Der Fall erinnert an die Pizzeria Anarchia.

Seit knapp fünf Jahren hat der Kunst- und Kulturverein mo.ë in den alten Hallen einer geschichtsträchtigen Fabrik im Brunnenviertel eine Bleibe gefunden. Mit über 400 Veranstaltungen und 25.000 Besuchern und Besucherinnen in den letzten zwei Jahren hat sich mo.ë nicht nur im Grätzel rund um den Yppenplatz einen Namen gemacht, sondern wurde auch zu einem fixen Bestandteil der freien Kunstszene Wiens.

Seit einigen Wochen rückt der Verein aber aufgrund einer vom Besitzer des Gebäudes eingereichten Räumungsklage zunehmend in den Mittelpunkt des Kampfes gegen Immobilienspekulation in Wien.

Begonnen hat im Grunde alles schon 1888. Damals eröffnete ein gewisser Bernhard Mandelbaum—Großvater des Bestseller Autors Frederic Morton—die „k. u. k Orden und Medaillenfabrik“ in der Thelemanngasse 4. Mandelbaum war Jude und stand im Dienste des Kaisers. Die Geschäfte, die später sein Sohn Franz Mandelbaum übernahm, liefen gut—bis 1938 die Nazis die Macht übernahmen und die Fabrik arisiert wurde. Die Mandelbaums entschieden sich zur Flucht, nachdem Franz Mandelbaum für kurze Zeit im KZ Dachau interniert war. Die Familie emigrierte 1939 zuerst nach England, ein Jahr später weiter nach New York. Dort änderten sie ihren Namen auf Morton.

Als die Mortons nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Wien zurückkehrten, wurde die Fabrik restituiert. In den 50ern verkaufte die Familie schließlich die Manufaktur und in den Folgejahren wurden Gürtelschnallen und andere Utensilien für das Bundesheer hergestellt—bis die Firma in den 90ern schließlich pleite ging und 2008 die Produktion eingestellt wurde.

2010 bezog schließlich der Verein mo.ë die Räumlichkeiten in der Thelemanngasse und eröffnete dort unter anderem ein Atelier, eine Werkstatt und einen Proberaum und bietet seither vielen Kunstschaffenden einen Raum für ihre Projekte. 2013 kaufte jedoch die Immobilienfirma Vestwerk das Gebäude—mit dem Ziel, dort drei Luxuslofts zu errichten.

Vestwerk hat mittlerweile die Baubewilligung erhalten und der Verein mo.ë hätte die Räumlichkeiten mit 1. Jänner 2016 an Vestwerk zurückstellen müssen. Doch die Künstler und Künstlerinnen entschieden sich, für den Erhalt ihres Raumes zu kämpfen und besetzten kurzer Hand die ehemalige Fabrik. Am Donnerstag startet deshalb ein Prozess, mit dem die Immobilienfirma eine Räumung erzwingen will.

Der Fall erinnert in Ansätzen an jenen der Pizzeria Anarchia, die im Sommer 2014 mit einem absurd großen Polizeiaufgebot geräumt wurde. Denn wie schon in der Pizzeria Anarchia, wohnen auch in der Thelemanngasse 4 noch Altmieter und Altmieterinnen in Wohnungen mit unbefristeten Mietverträgen, die nicht freiwillig ausziehen wollen. Das Bauprojekt von Vestwerk lässt sich jedoch nur mit einer kompletten Entmietung des Objektes umsetzen.
Der Verein mo.ë engagiert sich daher nicht nur für den Erhalt der eigenen Räumlichkeiten, sondern solidarisiert sich auch mit dem Widerstand der Mieterinnen und Mieter und mit der Forderung nach leistbarem Wohnraum in Wien. „Der Großteil der Parteien im Haus teilt den Widerstand gegen die Pläne von Vestwerk“, so Alisa Beck, Obfrau von mo.ë.

Der Kunstverein repräsentiert dabei als Raum, der für alle zugänglich ist, das öffentliche Interesse vieler Wienerinnen und Wiener für gemeinschaftlich nutzbare Plätze—und wirft gleichzeitig die Frage auf, inwieweit dieses mit den privat(wirtschaftlichen) Interessen Einzelner aufzuwiegen ist. Bei Vestwerk will man auf diese Fragen nicht eingehen. In einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber VICE heißt es lediglich: „Das Mietvertragsende war klar mit 31. 12. 2015 vereinbart. Trotz abgelaufenen Mietvertrag stellt der Verein das Mietobjekt nicht zurück.“

Bei mo.ë verweist man aber sehr wohl auf eine grundsätzliche Debatte über öffentlichen Raum und will sich nicht auf eine rein mietrechtliche Diskussion zwingen lassen: „Wir sprechen zwar aus der Perspektive von in Wien lebenden und arbeitenden Kunstschaffenden, thematisieren aber eine Entwicklung, die zunehmend mehr Bewohnerinnen und Bewohner Wiens betrifft.“
Die kultur- und raumpolitische Frage nach der Macht und den Machenschaften von kapitalorientierten Investoren und dem zunehmenden Verschwinden von leistbarem Wohn- und Arbeitsraum wird auch aus dem Büro von Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny nur ausweichend beantwortet. Man erklärt uns, dass der Verein mo.ë zwar in seiner Arbeit von der Stadt Wien unterstützt wurde und auch versucht wurde, zwischen mo.ë und Vestwerk zu vermitteln, letztlich die Immobilienfirma aber im Recht sei. Auf die grundsätzliche Problematik solcher Investitionskäufe von Immobilienfirmen und die damit verbundene Verdrängung von Altmietern oder eben Vereinen mit öffentlichem Interesse geht aber auch der Stadtrat nicht ein.

Solidarität erfährt mo.ë aber von anderen Künstlern und Künstlerinnen. So schreibt etwa Peter Waterhouse, Schriftsteller, Mitglied des Österreichischen Kunstsenats und Träger des Österreichischen Staatspreises für Literatur: „Ich protestiere gegen die durch Immobilieninvestment drohende Zerstörung einer der schönsten Räume für die zeitgenössischen Künste in Österreich; mein Protest richtet sich auch dagegen, dass die anderen Mieterinnen ihre Wohnungen in der Thelemanngasse 4 verlieren sollen.“

Und auch die Berliner Bühnenbildnerin Anna Viebrock, die die Räumlichkeiten als Vorlage für eines ihrer Bühnebilder nutzte, zeigt sich schockiert über den geplanten Abriss des Kunstraums: „Vielleicht wird das Bühnenbild ja länger leben, als das mo.ë, wenn es wirklich stimmt, was ich nicht glauben mag, dass der alte geschichtsträchtige Gebäudekomplex in der Thelemangasse abgerissen werden soll.“

Quelle…. Vice.com

Der deutsche Immobilienmarkt ein Eldorado für Geldwäscher und organisierte Kriminalität?

Ist der Immobilienmarkt in Deutschland ein Eldorado für Geldwäscher und organisierte Kriminalität.

Die deutsche Bundesregierung tut einiges dafür, dass dies so bleibt und behindert damit die Polizei bei Ermittlungen gegen organisierte Kriminalität und Geldwäsche.

Laut dem Experten Prof. Kai Bussmann, Economy & Crime Research Center, uni Halle-Wittenberg werden durch den Kauf von Immobilien in Deutschland jedes Jahr Milliarden gewaschen. (siehe Abschlussbericht Dunkelfeldstudie über den Umfang der Geldwäsche in Deutschland über die Geldwäscherisiken in einzelnen Wirtschaftssektoren).

Wie kann dies passieren?

In Deutschland gibt es kein zentrales Immobilienregister. Wahre Eigentümer von Immobilien müssen im Grundbuch nicht verzeichnet sein. Briefkastenfirmen können sogar Immobilien erwerben und die Suche nach Eigentümern ist durch die Zersplitterung der Landesregister und Grundbuchämtern fast unmöglich.

Aus dem Europarlament kam jetzt die Forderung: Jeder Staat soll ein nationales Immobilienregister aufbauen. Die Abgeordneten wollen damit die vierte Geldwäscherichtlinie der EU ergänzen um diese Form der Kriminalität effektiver bekämpfen zu können. Von den 28 Mitgliedsstaaten haben schon mehr als die Hälfte ein solches Register oder bauen entsprechende Zentraldateien gerade auf.

Noch-Bundesfinanzminister Schäuble präsentierte sich gern gegen Schwarzgeldgeschäfte, aber ausgerechnet bei der Einführung eines Nationalen Immobilienregisters stellt sich der Finanzminister quer.

Wie wird die neu gewählte Bundesregierung mit der Forderung des Europaparlaments umgehen, sowie mit ähnlich gelagerten Problematiken z. Bsp. Sharedeals?

«Studentification» im Wedding

Die Gentrifizierung ganzer Stadtteile beginnt mit dem Zuzug der Studenten. Davon profitiert ein Viertel, es steigen aber auch die Mieten.

Ick bin dafür, wenn jetzt die janzen Studentinnen kommen. Überhaupt wird, auch in unserm Haus, allet neu jemacht. Aber brauchen die so viel Komfort? Die zahlen doch original das Doppelte, wat ick zahle, und ick zahle noch 216 Euro.« Gert Siebert wohnt seit 25 Jahren im Berliner Stadtteil Wedding, nahe der Müllerstraße unweit des Rathausplatzes, der gerade städtebaulich erneuert wird.

Bei ihm gegenüber wurde gerade ein siebenstöckiger Neubau mit kubisch versetzten Eckfenstern und Studentenapartments eröffnet. Nicht weit entfernt, auf dem Grundstück des abgerissenen Stadtbads der Gerichtstraße, ist auch ein riesiger Komplex mit Studentenwohnungen im Bau. Beide gehören privaten Immobilienunternehmen. In die Amrumer Straße, hinter der Beuth-Hochschule, kamen Katrin Lompscher, Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, und Bezirksstadtrat Ephraim Gothe Ende September zur feierlichen Grundsteinlegung eines öffentlich finanzierten Studierendenwohnheims.

»Wir bauen hier an der Müllerstraße ein Objekt mit 163 Betten, hauptsächlich sogenannte Mikro-Apartments mit 18 bis 22 Quadratmetern ab 510 Euro im Monat. Berlin als Studentenstandort ist schon mal generell interessant. Wir sprechen gern von der Versorgungslücke, die Differenz zwischen vorhandenen Studienplätzen und Schlafmöglichkeiten – in Berlin über 100 000 Plätze! Der Wedding ist attraktiv, weil er sehr sehr zentral liegt, seit der Bezirksreform gehört er zu Mitte, und alle Hochschulen sind gut erreichbar.« So präsentierte Heiko Henneberg, Geschäftsführer der Firma YOUNIQ, das Haus in der Müllerstraße, während außen noch die letzten Ziegelsteinpaneele angebracht wurden.

Was Paris, London, Mailand lange schon erleiden, hat Berlin im Schnelldurchlauf durchgemacht: Verdrängung durch Gentrifizierung, die sogenannte Aufwertung von Stadtvierteln durch Bau, Sanierung und Bevölkerungsaustausch. Internationale Investoren gesellen sich der alten, nicht minder unsympathischen westdeutschen und Westberliner Eigentümerkaste zu und krempeln den Wedding um. »Studentification« – die Umwandlung von Wohnraum in Studentenwohnungen und von Stadtraum in Studentenviertel – ist ein klares Signal im Gentrifizierungsprozess.

Quelle… neues deutschland vom 14.10.2017, von Von Isidor Grim

«Studentification» im Wedding

Die Gentrifizierung ganzer Stadtteile beginnt mit dem Zuzug der Studenten. Davon profitiert ein Viertel, es steigen aber auch die Mieten.

Ick bin dafür, wenn jetzt die janzen Studentinnen kommen. Überhaupt wird, auch in unserm Haus, allet neu jemacht. Aber brauchen die so viel Komfort? Die zahlen doch original das Doppelte, wat ick zahle, und ick zahle noch 216 Euro.« Gert Siebert wohnt seit 25 Jahren im Berliner Stadtteil Wedding, nahe der Müllerstraße unweit des Rathausplatzes, der gerade städtebaulich erneuert wird.

Bei ihm gegenüber wurde gerade ein siebenstöckiger Neubau mit kubisch versetzten Eckfenstern und Studentenapartments eröffnet. Nicht weit entfernt, auf dem Grundstück des abgerissenen Stadtbads der Gerichtstraße, ist auch ein riesiger Komplex mit Studentenwohnungen im Bau. Beide gehören privaten Immobilienunternehmen. In die Amrumer Straße, hinter der Beuth-Hochschule, kamen Katrin Lompscher, Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, und Bezirksstadtrat Ephraim Gothe Ende September zur feierlichen Grundsteinlegung eines öffentlich finanzierten Studierendenwohnheims.

»Wir bauen hier an der Müllerstraße ein Objekt mit 163 Betten, hauptsächlich sogenannte Mikro-Apartments mit 18 bis 22 Quadratmetern ab 510 Euro im Monat. Berlin als Studentenstandort ist schon mal generell interessant. Wir sprechen gern von der Versorgungslücke, die Differenz zwischen vorhandenen Studienplätzen und Schlafmöglichkeiten – in Berlin über 100 000 Plätze! Der Wedding ist attraktiv, weil er sehr sehr zentral liegt, seit der Bezirksreform gehört er zu Mitte, und alle Hochschulen sind gut erreichbar.« So präsentierte Heiko Henneberg, Geschäftsführer der Firma YOUNIQ, das Haus in der Müllerstraße, während außen noch die letzten Ziegelsteinpaneele angebracht wurden.

Was Paris, London, Mailand lange schon erleiden, hat Berlin im Schnelldurchlauf durchgemacht: Verdrängung durch Gentrifizierung, die sogenannte Aufwertung von Stadtvierteln durch Bau, Sanierung und Bevölkerungsaustausch. Internationale Investoren gesellen sich der alten, nicht minder unsympathischen westdeutschen und Westberliner Eigentümerkaste zu und krempeln den Wedding um. »Studentification« – die Umwandlung von Wohnraum in Studentenwohnungen und von Stadtraum in Studentenviertel – ist ein klares Signal im Gentrifizierungsprozess.

Quelle… neues deutschland vom 14.10.2017, von Von Isidor Grim

Quem vai poder morar em Lisboa? Gegen den Gentrifizierungsprozess in Lissabon regt sich Widerstand.

„Es ist eine Stadt für Hotels, den Handel und reiche Leute“, beschreibt Lurdes Pinheiro das Stadtbild Lissabons. Sie arbeitet in dem Verein Associação do Património e População de Alfama (APPA), der ein Teil der Bewegung Morar em Lisboa bildet. Diese relativ neue Bewegung engagiert sich gegen den Gentrifizierungsprozess und will in der Stadt ein Leben für alle ermöglichen. Bisher arbeiten die Mitglieder der Bewegung mit über 30 Organisationen und über 40 Experten aus den Bereichen Wissenschaft und Architektur zusammen. Um die 4.000 Anhänger unterstützen Morar em Lisboa mittlerweile. Besonders auf der parlamentarischen Ebene versucht die Bewegung eine Veränderung herbeizurufen. Denn im Laufe der letzten Jahre hat sich die Lebens- und Wohnsituation in Lissabon stark verändert. Ein Leben in der Metropole wird immer mehr zum Privileg für wenige. Der drastische Anstieg von Mieten und Immobilienpreisen führt zur Exklusion aus dem Stadtinneren und zwingt die Leute dazu, in die Randbezirke der Stadt zu ziehen. Allein in den letzten vier Jahren sind die Mieten um bis zu 36 Prozent und die Immobilienpreise um 46 Prozent gestiegen. Seit 2001 hat Lissabon durch diese Entwicklungen schon 40.000 Einwohner verloren.

Tourismus: Fluch und Segen

Einer der Gründe für den Gentrifizierungsprozess ist der stark wachsende Tourismussektor in Lissabon. Im Jahr 2016 hat die Stadt das erste Mal über 10 Millionen Touristen pro Jahr gezählt. Das bedeutet einen Anstieg von 7,4 Prozent in den letzten sieben Jahren. Die politischen Akteure stimmt dieser Zuwachs optimistisch. Der Tourismus ist ein immer größer werdender wirtschaftlicher Sektor im ganzen Land, der auch viele Arbeitsplätze schafft. Dass es sich dabei hauptsächlich um befristete Niedriglohnjobs handelt, spielt dabei keine große Rolle, da Portugal seit der Finanzkrise mit einer hohen Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat. Der neu entstandene Geldfluss lockt auch viele Investoren und Immobilienbesitzer nach Lissabon. Immer mehr Häuser werden aufgekauft und in Hotels oder Ferienwohnungen umgewandelt. Denn Touristen seien per se bereit, mehr Geld auszugeben als dauerhafte Bewohner. So sind auch die Gewinnspannen höher.

Einwohner werden durch diese Entwicklungen aus ihren Wohnungen gedrängt. Das Angebot für langfristige Wohnungen wird geringer und die Mieten steigen. Sucht man auf einer bekannten Internetplattform, findet man beispielsweise für den beliebten Stadtteil Alfama Einzimmerwohnungen für eine monatliche Miete bis zu 1.000 Euro. Wenn man bedenkt, dass der monatliche Mindestlohn in Portugal bei 557 Euro und der Durchschnittslohn bei ca. 830 Euro im Monat liegt, wird schnell klar, dass ein Großteil der portugiesischen Bevölkerung sich solche Mieten nicht leisten kann.

Lissabon verliert sein Gesicht

Der Stadtteil Alfama ist eine der bekanntesten Touristenhochburgen Lissabons. Doch auch dieser Stadtteil verliert immer mehr Einwohner. Allein im Jahr 2013 sind 2.000 Wahlberechtigte aus dem Stadtteil weggezogen, so Pinheiro. Durch den Wegzug befürchtet die Organisation einen Charakterverlust des Stadtteils. Organisationen wie die APPA setzen sich auch für den Erhalt der historischen Architektur und der Gastronomie ein. Laut Lurdes Pinheiro schließen immer mehr einheimische Restaurants. An ihrer Stelle eröffnen hochpreisige Restaurants und international bekannte Ketten, die Essen zu tendenziell hohen Preise anbieten. Es wird dadurch auch immer schwieriger, die für Portugal typischen Mittagsteller (Prato do Dia) in Restaurants zu finden, eine günstige Mahlzeit für die arbeitende Bevölkerung.

Auch der bekannte Ausgehort Bairro Alto wird seinen Bewohnern langsam fremd. Er ist besonders aufgrund der vielen Cafés, Bars und des bunten Nachtlebens beliebt. In den letzten Jahren hat Bairro Alto bei den Einheimischen durch Preiserhöhungen und dem stärker werdenden touristischen Ambiente aber an Attraktivität eingebüßt. Das „einheimische“ Nachtleben wird teilweise schon in die außerhalb gelegenen Stadtteile verlegt.

Trotz der vielen negativen Entwicklungen ist Pinheiro dem Tourismus grundsätzlich positiv eingestellt. Sie betont, dass man in der Organisation an sich nichts dagegen habe. Man sei sich der Wichtigkeit von Touristen für den wirtschaftlichen Sektor durchaus bewusst. Es liege aber in der Aufgabe der Politik, vernünftige Regularien zu finden, die den Tourismus fördern, ohne den Einheimischen ihren Wohn- und Lebensraum wegzunehmen.

Politik für Investoren

Die Politik hat diese Entwicklung bisher eher forciert. Im Rahmen der Finanzkrise kam es zu einer Liberalisierung des Wohnungsmarktes, was besonders die Immobilienspekulation gestärkt hat. Die beiden bekanntesten politischen Gesetzgebungen, Regime Fiscal para Residentes não habituais und das Golden Visa, zielen darauf ab, wohlhabende ausländische Investoren in das Land zu bringen. Diese profitieren von Steuervorteilen und einer langfristigen Aufenthaltserlaubnis. Der Erwerb von Immobilien wird für Investoren erleichtert, während für die Bewohner die Mieten aufgrund von Sanierungen drastisch in die Höhe steigen. Auch wird durch die Spekulation mit Leerraum das Wohnungsangebot vermindert. Denn die Investoren hoffen durch die immer höher werdenden Wohnungspreise auf höchstmögliche Renditen.

Eine Bewegung gegen die Gentrifizierung

Gegen diese Missstände will die Bewegung Morar em Lisboa nun aktiv werden. Im Vordergrund steht der Wille, eine alternative Entwicklung in Lissabon zu fördern, die ein ökonomisches Gleichgewicht für den Zugang zu Wohnraum schafft. Im öffentlichen Raum sollen kulturelle und sportliche Angebote sowie ein Zusammenleben ermöglicht werden. Was auf den ersten Blick noch allgemein klingt, soll ein konkreter Paradigmenwechsel in der Politik bedeuten. Im Wohnungsmarkt soll hierbei besonders die kurzfristige Nutzung von Wohnungsraum reguliert werden und zeitgleich das Angebot für langfristige Bewohnung gestärkt werden. Beispielsweise sollte es beim Kauf eines Gebäudes nicht möglich sein, alle Wohnungen in Ferienwohnungen zu transformieren. Auch soll es keinerlei steuerliche Vorteile mehr für Besitzer geben, die nicht die Absicht haben, Wohnungen langfristig zu vermieten. In anderen europäischen Städten gibt es bereits einzelne Gesetzesvorhaben, die in eine ähnliche Richtung gehen, beispielsweise in Berlin und Barcelona, wo die Plattform Airbnb einigen Einschränkungen unterliegt.

Grundsätzlich vermissen die Mitglieder der APPA Initiativen der Stadtverwaltung für ihre Bürger. Sie beklagen, dass diese momentan die Investoren bedient und kein Interesse daran hat, den Tourismus und Wohnungsmarkt zu regulieren. Aus diesem Grund gehören Dialoge mit Politikern und anderen entscheidenden Akteuren zu den Hauptaufgaben von Morar em Lisboa. Darüber hinaus versucht die Bewegung mit öffentlichen Aktionen die Menschen auf ihre Rechte aufmerksam zu machen: „Wenn es zu einer Vertragsauflösung für den Mieter kommt, hat dieser das Recht, sich dagegen zu wehren. Leider werden seine Rechte aber nicht offen kommuniziert. Deshalb versuchen wir das Bewusstsein zu wecken, damit die Menschen sich besser verteidigen können.“ Mit Informationsveranstaltungen, solidarischen Grillfesten und der Unterstützung bei Räumungen wollen sie die Einwohner aufklären und ihnen eine Stimme geben. Eine Petition, die alle ihre Forderungen untermauern soll, wird momentan von über 3.000 Personen unterstützt.

Eine Veränderung der Situation erhofften sich einige durch die kommenden Kommunalwahlen im Oktober. Doch es gab keine großen Veränderungen in den Mehrheitsverhältnissen, die den Paradigmenwechsel in der Wohnungspolitik einleiten würden. Denn beide Volksparteien Portugals, Partido Socialista und Partido Social Democrata, zeigten bisher kaum Ambitionen, gegen Gentrifizierungsentwicklungen vorzugehen, daher scheint es unrealistisch, dass es in der näheren Zukunft eine 180-Grad-Wende der beiden Parteien geben wird. Es wird daher weiterhin eine Aufgabe von Bewegungen wie Morar em Lisboa bleiben, ihre Belange in den politischen Diskurs einzubringen, um mit einer breiten Mehrheit für nachhaltige und sozial gerechte Stadtpolitik einzustehen.

Gentrifizierung in Pankow Die verdrängten Mieter aus der Varnhagenstraße! (1)

Die Varnhagenstraße ist schmal, ruhig und so kurz, dass man in fünf Minuten vom unteren zum oberen Ende gelaufen ist. Rechts und links ziehen sich Häuserblöcke wie eine Wand, vier Stockwerke hoch, weiße Kassettenfenster, oben Giebeldächer, jetzt im Herbst färbt sich der Wein an den Fassaden rötlich. Vom Spielfeld unten am Humannplatz her hört man das dumpfe Klatschen eines Fußballs, irgendwo saugt jemand Staub, sonst ist nichts zu hören.

Nela Dvorak*: Es war am 30. Juni, gegen 18 Uhr. Ich habe mich schlecht gefühlt und hatte Halsweh.

Andor Szabó*: Die kamen zu dritt, der Makler, eine Frau, ein Mann. Ich forderte dann, seinen Personalausweis zu sehen. Ich hatte meine Brille nicht auf und konnte die Schrift nicht lesen. Ich wollte den Ausweis fotografieren, um die Daten zu haben. Da fing er an zu brüllen, das dürfe man nicht in Deutschland. Er stieß die Tür auf, stieß mich ins Kinderzimmer, packte mich.

Das Kind: Ich habe alles beobachtet.

Andor Szabó: Er hat das Regal umgeschmissen, alle Pink-Floyd-CDs lagen auf der Erde.

Nela Dvorak: Ich war auf dem Weg zur Apotheke, da rief er an, das Kind weinte im Hintergrund. Ich war total schockiert.

Die Varnhagenstraße liegt im Norden von Prenzlauer Berg, also in dem Bezirk, der wie kein zweiter für Gentrifizierung und soziale Verdrängung steht, für Investoren, Makler, Touristen und Öko-Bourgeoisie. In dieser Straße spürt man davon nichts. Aber seit einiger Zeit gibt es Anzeichen, dass das nicht länger so bleibt; dass der Immobilienboom auch in diese Siedlung einsickert und das Leben der Mieter umzuwälzen beginnt. Viel Grün, viel Ruhe: Wer durch die Varnhagenstraße spaziert, kann leicht vergessen, dass er in der Großstadt unterwegs ist. Dabei liegt das Viertel mitten in Prenzlauer Berg.

Der Makler, der zu Andor Szabó und seiner Familie in die Wohnung kam, arbeitet für Accentro, ein Immobiliendienstleister mit Sitz in Stuttgart und Berlin, spezialisiert darauf, große Mietwohnungsbestände zu Privateigentum zu machen. Szabó hat Anzeige wegen Hausfriedensbruchs und Nötigung erstattet. Die Eskalation zwischen ihm und dem Makler wirkt wie ein Sinnbild für den Verteilungskampf um Wohnraum, der mit immer härteren Bandagen geführt wird.

Die Accentro AG schickt ein Statement: Die Besichtigung sei abgesprochen gewesen, die Mieterin nicht anzutreffen. Der Vertrag läuft über Nela Dvorak. Wörtlich heißt es: „Ein anwesender Herr, der nicht Mieter der Wohnung ist, habe sich laut unseres Mitarbeiters ihm gegenüber feindselig verhalten.“ Die Vorwürfe in der Anzeige weise er zurück. „Wir weisen darauf hin, dass wir uns bei einer fehlerhaften Berichterstattung rechtliche Schritte vorbehalten.“

Es ist früher Nachmittag, einer der letzten schönen Tage. Die Sonne fällt durch die Äste der Bäume, auf dem Pflaster wechseln Licht und Schatten. Eine alte Frau schiebt ihren Rollator vorwärts, in der Bäckerei Kroll an der Ecke ist Streuselkuchen im Angebot.
Britta Voss: Hier kennt man sich. Und man hilft sich. Für die alte Frau, die hier im Haus gewohnt hat, haben wir immer eingekauft.
Nela Dvorak: Es ist ungewöhnlich, dass man so viel Grün hat, fast so, als wäre man nicht in der Großstadt.
Herberg Seidel: Umziehen will ich erst, wenn ich die Treppen nicht mehr hoch-komme. Solange es geht, will ich hier wohnen bleiben. Wo sollte ich auch hin?

Die Gebäude sind denkmalgeschützt, entstanden in den späten 20er-Jahren, Bauherr war die Degewo. Von außen wirkt die Siedung, als habe sich seit Jahrzehnten wenig verändert. Aber in den Eigentumsverhältnissen spiegelt sich die Dynamik eines Mietmarkts, der aus den Fugen geraten ist. Die Degewo veranlasste bereits im April 1997 die Teilung der Anlage in Eigentumswohnungen, kurz darauf kaufte die Investmentgesellschaft HPE Hausbau den Bestand – eine Firma, die Immobilienpakete zum Großhandelspreis erwarb und anschließend Wohnungen aus dem Bestand herauslöste und weiterverkaufte.

Wer in Berlin zur Miete wohnt, ist eigentlich zehn Jahre lang geschützt vor Eigenbedarfskündigungen. Die Mieter in der Varnhagenstraße profitieren davon nicht mehr. Die Schutzfrist beginnt ab dem ersten Verkauf nach der Umwandlung in eine Eigentumswohnung, sie ist hier also längst abgelaufen. Würden sie jetzt gekündigt, blieben ihnen zwischen sechs und maximal neun Monaten, um auszuziehen. Reiner Wild, Geschäftsführer des Mietervereins, schätzt, dass es in Berlin rund 300.000 Eigentumswohnungen gibt. Bei etwa der Hälfte sei die Sperrfrist bereits abgelaufen.

In der Geschichte der Varnhagenstraße geht es also nicht nur um ein paar Mieter, die um ihre Wohnungen fürchten, sondern um die Frage, was es für eine Stadt bedeutet, dass immer mehr Mietwohnungen zu Privateigentum und Anlagevermögen werden.

Die HPE Hausbau wurde 2006 von General Electric geschluckt. 2013 übernahm die österreichische Firma Conwert das Deutschland-Portfolio des US-Konzerns mit 4000 Wohnungen. Ende März wurde Conwert wiederum von Vonovia geschluckt, dem größten Immobilienkonzern Deutschlands mit mehr als 350.000 Wohnungen – das sind etwa so viele wie in Mitte und Friedrichhain-Kreuzberg zusammen. In der Varnhagenstraße gehören dem Konzern noch 68 Wohnungen, der Rest ist inzwischen in Händen von Privateigentümern.

Auf der Mitte der Straße geht es durch eine der blau lackierten Türen hinein. Erster Stock. Links wird renoviert, eine Spur schmutziger Fußtritte zieht sich die Treppe herab, rechts hängt über der Klingel eine Plakette: „Zu Hause ist es am schönsten.“

In der Tür steht Britta Voss, eine schlanke Frau mit eckiger Hornbrille , 50 Jahre alt. Um ihre Beine springt Arnie, der Pudel. Man sieht ihr nicht an, dass sie schwerbehindert ist, nierenkrank, Dialysepatientin.

Britta Voss: Da, wo Sie den Dreck sehen, hat die Lena gewohnt. Die ist schwanger eingezogen, jetzt ist ihre Tochter gerade in die Schule gekommen. Ich habe auch Post bekommen, dass meine Wohnung verkauft wird, es gab schon eine Besichtigung.

Quelle… Berliner Zeitung vom 14.10.2017, von Gabriela Keller

Gentrifizierung in Pankow Die verdrängten Mieter aus der Varnhagenstraße! (2) Rund eine Million Wohnungen fehlen in Deutschland!

Die Wohnungen sind alle gleich gestaltet, rund 50 Quadratmeter, zwei Zimmer, ein Balkon, nach rechts und nach links, gestapelte Biografien. Nach hinten raus erstreckt sich ein Garten, ein Park fast, die Alten haben nach dem Krieg die Bäume gepflanzt.

Britta Voss: Der Makler brachte einen Interessenten. Die wollten alles sehen, waren auch auf dem Balkon, da hing meine Wäsche. Das war mir unangenehm. Sie setzt einen Tee auf, ihr Wohnzimmer ist penibel aufgeräumt, ein Buddha-Kopf hat seinen Platz im Bücherregal, Lichterketten glimmen in Orchideengestecken. Voß ist Ostberlinerin, in Prenzlauer Berg aufgewachsen. Im Mai 1991 zog sie in die Wohnung, die Miete lag bei 60 D-Mark. Heute zahlt sie 430 Euro warm.

Britta Voss: Zu DDR-Zeiten haben hier viele Lehrer gewohnt. Das waren dann alles alte Leute. Das änderte sich nach und nach, junge Leute kamen, jetzt gibt es viele Ferienwohnungen. Man merkt das. Da geht es rein und raus mit den Rollkoffern. Sie hat aufgehört, sich ihre Vermieter zu merken, so oft haben sie gewechselt. Sie muss in ihren Papieren nachsehen, da steht es, auch ihre Wohnung gehört der Vonovia. Der Name sagt vielen Leuten in Berlin nichts.

Aber das Unternehmen zählt zu den DAX 30, es ist mehr wert als die Lufthansa oder die Commerzbank. Der Bestand der Firma konzentrierte sich lange auf Nordrhein-Westfalen. Seit sie Conwert mit 24 500 Wohnungen in Berlin, Leipzig, Potsdam und Dresden geschluckt hat, zählt sie auch in in der Hauptstadt zu großen Playern.

Konzernsprecherin Vonovia: Wir haben überall dort große Bestände, wo wir große Wachstumspotenziale sehen, und da gehört Berlin ganz klar dazu.

Nela Dvorak: Wir hatten schon eine Vorahnung, dass es uns passieren würde. Wenn man nach Hause kam, standen regelmäßig Grüppchen an der Straße, die überwiegend Englisch sprachen.

Lena Finke*: Bei mir war eine Frau da, die hat meine Wohnung angeschaut. Da hatte ich noch gefragt, ganz zaghaft, ob sie einziehen will. Da hieß es noch, sie will die als Kapitalanlage. Dann kam mit der ersten Rechnung eine Mieterhöhung von 30 Euro und im Januar kam die Kündigung
Silke Leipold*: Manche der Käufer sind nett, manche sind typische Geldleute. Ich will das Ost-West-Ding nicht an die große Glocke hängen, aber es ist schon da.

Am oberen Ende der Straße stehen Andor Szabó und Nela Dvorak in ihrer Küche, neben ihnen ihr Sohn, acht Jahre. Auf ihrem Tisch ein Leitz-Ordner, eine Kaffeekanne, ein Teller mit Keksen. Die Bücherregale im Wohnzimmer reichen bis an die Decke, dazwischen ein Ledersessel, 50er-Jahre-Holzmöbel, an den Wänden Kunstdrucke. Die beiden wohnen seit knapp zehn Jahren hier, Szabó ist Architekt, er stammt aus Ungarn. Dvorak, Philosophin, Lektorin, ist gebürtige Tschechin. Zunächst fand er eine Wohnung in der Nummer 30, 180 Euro kalt, ein Jahr später musste sie aus ihrem Zimmer in Schöneberg raus, die Wohnung wurde luxussaniert, so war das schon damals.
Sie zog ein paar Häuser weiter ein, da lag die Miete schon bei 290 Euro, und weil es ihnen gefiel, blieben sie, auch als das Kind kam, teilen ihr Familienleben auf zwei Wohnungen auf. Sie zählen zu denen, die man bisher nicht mit dem Begriff soziale Verdrängung in Verbindung brachte, Akademiker, Doppelverdiener. Szabó hat an der Elbphilharmonie mitgearbeitet, jetzt ist er er bei einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft tätig; das Thema bezahlbarer Wohnraum treibt ihn um, privat, beruflich.
Im Sommer wurden vielen Mietern in der Straße ihre Wohnungen zum Kauf angeboten – zuletzt für 140.000 Euro. Szabó und Dvorak haben überlegt. Aber der Preis war ihnen doch zu hoch, und das gibt ihnen zu denken: Für diese Summe können sich die Wohnungen nicht als Anlage rentieren – jedenfalls nicht, ohne dass die Mieten deutlich steigen. Zuletzt erhielten die Mieter einen Brief von Vonovia: Das Unternehmen wolle die Wohnungen begehen, um ihre Systeme auf den neuesten Stand zu bringen.

Konzernsprecherin Vonovia: Es ist alles nicht ganz einfach, weil wir in der Varnhagenstraße von der Conwert anprivatisierte Bestände übernommen haben. Wir müssen nun zunächst die Daten migrieren, doch wir werden sicherlich irgendwann wieder in den Verkaufsprozess einsteigen.

Rund eine Million Wohnungen fehlen in Deutschland, Großkonzerne wie Vonovia oder die Deutsche Wohnen haben einen Anteil daran: Beide haben große Mengen Sozial- und Werkswohnungen aus öffentlicher Hand gekauft, saniert und dann teurer vermietet. Im vergangenen Jahr stieg der operative Gewinn bei Vonovia um 25 Prozent auf 760,8 Millionen Euro.

Herbert Seidel sitzt in seiner Küche auf der Eckbank, Spitzengardinen am Fenster, Zinnkrüge im Wandregal. Auf dem Tisch liegen ein halb gelöstes Kreuzworträtsel und ein Ordner mit Unterlagen. Herbert Seidel ist Rentner. Er zog im April 1985 in sein Wohnung, die Miete betrug 60 Ostmark. Er sagt: „Umziehen will ich erst, wenn ich die Treppe nicht mehr hochkomme. Das hier ist mein allererster Mietvertrag. Den würde ich auch nie wegwerfen, solange ich lebe.“ Das dünne Papier ist noch gut zu lesen, der Vertrag ist datiert auf den 17. April1985, die Miete liegt bei 60 Ostmark. Seidel ist ein schmaler Mann mit kurzen grauen Haaren, 71 Jahre alt, er trägt ein grünes T-Shirt, die Brille sitzt tief unten auf der Nase.
Herbert Seidel: Ich habe unten im Keller einen Hobbyraum, da steht mein Kanu drin. Hier habe ich mein soziales Umfeld, den Wanderverein, die Skatfreunde, den Paddelverein. Wenn ich hier weg müsste, dann müsste ich das alles aufgeben. Er stammt aus der Uckermark, früher hat er als Elektromechaniker gearbeitet. Er hatte noch keinen Besuch von Maklern. Aber er merkt, dass Unruhe im Haus ist, die Wohnung unter ihm wurde kürzlich verkauft. Und das ist nicht alles: Das Gebäude ist nicht gut in Stand, gerade wird das Dach saniert, ein Teil der Kosten wird umgelegt, die Mieterhöhung ist schon angekündigt.

Modernisierungen und die Umwandlungen in Eigentumswohnungen, das sind nach Einschätzung des Stadtsoziologen Andrej Holm die zwei wichtigsten Faktoren, um den Austausch von Bewohnern zu beschleunigen.

Quelle… Berliner Zeitung vom 14.10.2017, von Gabriela Seidel

Gentrifizierung in Pankow Die verdrängten Mieter aus der Varnhagenstraße! (3) Andrej Holm: „Es gibt den Begriff Supergentrifizierung, das bedeutet, wir haben die nächste Stufe der Umwälzung erreicht“

Andrej Holm: Pro Jahr werden über 25.000 Wohnungen in Berlin in Eigentumswohnungen umgewandelt. Die sind dann verkaufbar, und wenn das passiert, tickt die Uhr für die Mieter.

In Prenzlauer Berg liege die Kaltmiete im Schnitt aschon jetzt bei rund neun Euro. Wer jetzt neu vermietet, könne aber auch 16 Euro erzielen, sagt Holm. Es seien also noch enorme Sprünge möglich, und das sei ein Grund, weswegen Vermieter versuchen, ihre Mieter loszuwerden. Wieder einmal. Schon 2010 kam eine Studie zu dem Ergebnis, dass vier von fünf Menschen, die vor der Wende in den Sanierungsgebieten wohnten, nicht mehr da sind. Die Spirale aus Sanierung und Mieterhöhung dreht sich weiter.

Andrej Holm: Was in Prenzlauer Berg interessant ist – jetzt werden die Gentrifizierer der 90er und 2000er verdrängt.

Es gibt den Begriff Supergentrifizierung, das bedeutet, wir haben die nächste Stufe der Umwälzung erreicht.

Aber die Varnhagenstraße ist nicht der Kollwitzplatz; es gibt keine herrschaftlichen, pastellfarbenen Jugendstilbauten mit Stuckgirlanden, es gibt Blockrandbebauung, niedrige Decken, recht enge Zimmer.
Es gibt in der Straße keine herrschaftlichen Jugendstilbauten mit Stuckgirlanden, sondern Blockrandbebauung, niedrige Decken, Wohnungen um die 50 Quadratmeter.

Silke Leipold: Ich lebe seit 2001 hier, ich kam aus der Lychener, da war es schon damals so, dass man nicht einfach morgens aufstehen und auf die Straße gehen konnte. Ich bin nicht so der Typ, der sich zurechtmacht und gerne angeguckt wird.

Andor Szabó: Hier wähnte man sich sicher, weil es ein bisschen kleinbürgerlich ist. Ich dachte, das ist nicht interessant für Investoren.
Nela Dvorak Wir suchen uns jetzt eine neue Wohnung. Aber ich würde lieber hier bleiben, der Garten ist wirklich etwas Besonderes.
In einem Hausflur schleppt Silke Leipold Kartons voller Klamotten die Treppen hoch, Flohmarktware, die sie nicht losgeworden ist. Auch sie erhielt im Mai oder Juni einen Brief, dass sie ihre Wohnung kaufen kann. Freunde rieten ihr, das Angebot anzunehmen, aber sie scheute davor zurück: Sie wollte sich nicht für Jahrzehnte verschulden.

Silke Leipold: Ich habe abgesagt, aber der Frau von der Verwaltung geschrieben: Wenn sie irgendwie Einfluss darauf hat, dass unsere Wohnung verkauft wird, dann soll sie sich für uns einsetzen. Weil es für uns eine Katastrophe wäre, wenn wir hier raus müssten. Sie hat nie geantwortet.
Die Mieteinnahmen von Vonovia stiegen im ersten Halbjahr 2017 um 7,6 Prozent von 774,7 Millionen auf 833,2 Millionen Euro. Die marktbedingte Mietsteigerung lag bei 1,7 Prozent. Darüber hinaus konnte der Konzern durch Modernisierungen einen Mietanstieg von 1,9 Prozent realisieren.

Andrej Holm: Börsenfinanzierten Unternehmen wie Vonovia geht es darum, einen möglichst schnellen Cashflow zu generieren. Deren Denken unterscheidet sich von klassischen Wohnungsverwaltungen, die Interesse an einer stabilen Mieterschaft haben. Den börsenfinanzierten Unternehmen ist das egal, die haben Investments getätigt und wollen Rendite erzielen.

Silke Leipold, lange Zöpfe, flache grobe Stiefel, Erzieherin von Beruf, schließt ihre Wohnung auf;die Wände drinnen sind dottergelb gestrichen, da und dort Bilder von indischen Göttern mit Tiergesichtern.
Anfangs freute sie sich noch über die Veränderungen, dass nicht mehr nur Rentner hier wohnten, sondern auch Familien mit Kindern; sie hat selbst eine Tochter. Da kam bald eine richtige Bande zusammen, eine Gruppe von Kindern, die einander jeden Tag auf dem Weg in die Schule abholten.

Silke Leipold: Aber irgendwann ging es los, dass sie Wohnungen extra zeitweise haben leerstehen lassen, damit sie die Wohnungen zusammen verkaufen können.An einer Hauptstraße in Pankow schlängelt sich eine junge Frau mit kurzen Haaren und Ringelshirt zwischen Umzugskartons, Koffern und Reisetaschen durch, ihre Tochter spielt nebenan im Kinderzimmer.

Lena Finke: Das hier ist ein Glücksgriff. Ich hatte mir Wohnungen angeschaut, da stand ich mit 15 Leuten, und dann hieß es: So, kommt mal alle zusammen – Studenten, Azubis und alle, die Leistungen vom Amt beziehen, können gleich wieder gehen.
Sie macht eine Ausbildung als Tischlerin und bezieht nochHartz IV. Ihr Vermieter in der Varnhagenstraße war Privatmann, der hatte die Wohnung geerbt. Vor zweieinhalb Jahren wurde sie an die Frau aus Mitte verkauft, die jetzt darin wohnt. Als sie Anfang des Jahres ihre Kündigung erhielt, blieben ihr sechs Monate, ehe sie raus musste.

Lena Finke: Die Straße war mein Netzwerk. Wenn ich krank war, konnte ich Silke anrufen und sagen: Mir geht es schlecht, kann ich dir die Kleine schicken? Immerhin liegt die neue Wohnung so nah, dass ihre Tochter die Schule nicht wechseln musste. Sie ist ein wenig größer und heller, aber die Atmosphäre ist anders, es geht anonymer zu, man grüßt sich im Flur, das ist alles. In der Varnhagenstraße hat man nicht vergessen, wie schnell es ging, dass Lena Finke weg war.

Britta Voss: Es geht einem schon die Muffe, wenn man das mal sagen kann auf Deutsch.
Ihr ist klar, dass sie in Prenzlauer Berg keine neue Wohnung finden würde, keine jedenfalls, die sie von ihrer Rente bezahlen könnte. Und so etwas wie die Gemeinschaft hier gibt es ohnehin nur selten. Als vor ein paar Wochen die alte Frau starb, die in ihrem Haus wohnte, zweiter Stock, machte Britta Voß einen Aushang in der Bäckerei, viele Nachbarn kamen zu der Beerdigung.

Silke Leipold: Ich fahre manchmal noch um die Ecke und denke: meine Straße. Es ist so schön ruhig hier und so grün.

Britta Voss: Anderswo wird so etwas neu erfunden, Mehrgenerationenhäuser. Hier hat es sich so entwickelt. Die Kinder feiern jedes Jahr den Geburtstag von Arnie, mit Hundekeksen und Kindersekt. Draußen auf der Wiese sitzen die Nachbarn im Sommer öfter zusammen, jetzt werfen die Bäume scharfkantige Schatten aufs Gras, in den Ästen hängen noch die verblichenen Wimpel von einer Feier, ein herbstliches Stillleben. Aber die Veränderungen gehen weiter.

Manche Käufer haben in der Straße gleich zwei oder drei Wohnungen gekauft und zusammengelegt. Als nächstes zieht Andor Szabó mit seiner Familie weg; ein paar Tage nach dem Gespräch schickt er eine Mail: Sie haben ein Angebot erhalten, zweieinhalb Zimmer, ganz in der Nähe, sie haben gleich zugesagt. Bis Ende des Jahres ziehen sie um.

Quelle… Berliner Zeitung vom 14.10.2017, von Gabriela Keller

Berliner mit mittleren oder gar geringen Einkommen sind in Berlin eher NICHT erwünscht!

„In der Regel ist man natürlich bemüht einen guten Mieter zu finden. Wenn es dann noch jemanden gibt, der die Wohnung nur als Zweitwohnung haben will, steht der natürlich in der Liste ganz weit oben.“

„Wir haben Zahnärzte und Gynäkologen aus Wuppertal und aus Köln, mit einem nachgewiesenen Einkommen .. in Höhe von weit über 20 000 € netto..“

Aha, für diesen Personenkreis sind also die wenigen, halbwegs leistbaren Wohnungen vorgesehen..

Berliner mit mittleren oder gar geringen Einkommen sind in Berlin NICHT erwünscht.

Warum Brexit-Banker für Frankfurt nicht nur ein Segen sind!

Der Brexit ist für Frankfurt wirtschaftlich in Segen, verheisst für den dortigen Wohnungsmarkt allerdings nichts Gutes.

In der Main-Metropole waren die Angebotsmieten in den vergangenen zehn Jahren einigen Statistiken zufolge bereits um die Hälfte gestiegen. Jetzt kommen wohl tausende Banker in die Stadt und suchen eine Unterkunft. Experten befürchten nicht zuletzt deshalb weiter steigende Mieten.

„In Frankfurt gibt es praktisch keinen Leerstand und zugleich ein gigantisches Bevölkerungswachstum“, sagt Stefan Mitropoulos, Leiter der Konjunktur- und Immobilienanalyse bei der Landesbank Hessen-Thüringen Girozentrale, im Interview mit Bloomberg. „Zuletzt sind pro Jahr im Schnitt rund 15.000 Menschen nach Frankfurt gezogen. Jetzt kommen noch ein paar tausend Banker dazu. Das wird den Druck auf die Mieten weiter erhöhen.“

Das deckt sich mit Einschätzungen des Immobiliendienstleisters Jones Lang LaSalle SE (JLL). Allein im ersten Halbjahr 2017 stiegen die Angebotsmieten in Frankfurt seinen Angaben zufolge auf Jahressicht um 3,2 Prozent auf 13,70 Euro je Quadratmeter. Seit Beginn der Aufwärtsbewegung 2006 sei es um fast die Hälfte nach oben gegangen, oder um rund 3,8 Prozent pro Jahr.

JLL ist in einer Modellrechnung der Frage nachgegangen, was passiert, wenn 8000 Banker innerhalb eines Jahres nach Frankfurt kommen, alle in der Stadt wohnen und alle mieten statt zu kaufen – also 8000 Wohnungen für 1-Personen-Haushalte nachgefragt werden. „Das Ergebnis: Die Mieten würden allein auf Grund dieses Effektes um 3 Prozent in der Stadt insgesamt anziehen“, erklärt Helge Scheunemann, Chef für Research Deutschland bei JLL.

Banker erhöhen Bevölkerungszahl

Bei der Stadtverwaltung ist man sich der Probleme bewusst. Mark Gellert, Sprecher des Wohnungsdezernats der Stadt Frankfurt, sagt: „Unserer Bevölkerungsvorausberechnung zufolge dürfte die Anzahl der Einwohner in Frankfurt im Jahr 2027 die Marke von 800.000 durchbrechen, verglichen mit 736.000 zur Jahresmitte 2017. Auch der Zuzug von Bankern spielt dabei eine Rolle.“

Zahlreiche Finanzdienstleister wollen Aktivitäten von London nach Frankfurt deshalb verlagern, weil Grossbritannien vor einem Austritt aus der Europäischen Union steht. Das wahrscheinlichste Brexit-Szenario der Deutsche Bank AG beispielsweise sieht vor, dass rund 4000 Arbeitsplätze über mehrere Jahre hinweg aus Grossbritannien nach Kontinentaleuropa verlagert werden, hatte Bloomberg Anfang August unter Berufung auf unterrichtete Kreise berichtet.

Die Nachfrage aus der Finanzbranche wird sich wohl aber nicht auf alle Segmente des Mietmarktes gleich auswirken. „Mikro-Apartments, Ein- und Zweizimmerwohnungen bis 70 Quadratmeter und möblierte Apartments dürften besonders gefragt sein“, sagt Jan Ludwig, Teamleader Residential Investment in Frankfurt bei der Immobilienfirma Colliers International Group Inc. „Banker siedeln vielleicht nicht gleich mit ihrer gesamten Familie nach Frankfurt um und sind selbst nur unter der Woche vor Ort.“

Verdrängung schwächerer Einkommensschichten

Martin Bernemann, Geschäftsführer des Frankfurter Vermittlers City-Residence GmbH, beobachtet bereits einen Aufwärtstrend. „Im Moment gewinnt das Geschäft mit möblierten Wohnungen, die für Monate oder Jahre gemietet werden können, im Vergleich zum Vorjahr an Fahrt. Die Anfragen sind um die 15 Prozent gestiegen. Als direkte Folge des Brexit rechnen wir mit der ersten grösseren Welle an Anfragen für Ende Winter“, sagt er. Er berichtet von Nachrichten aus Relocation-Agenturen und Voranfragen betroffener Banken.

Laut Mitropoulos von der Helaba könnte es letztlich zu einer Verdrängung auf dem Frankfurter Mietmarkt kommen: „Schwächere Einkommensschichten, die sich die Mieten in Frankfurt nicht mehr leisten können, weichen möglicherweise ins Umland aus“.

Vor diesem Hintergrund schlagen Mieterschützer schon jetzt Alarm. Bei den Bankern „handelt sich um keine heterogene Gruppe. Es handelt sich um Menschen, die sich hohe Mieten leisten können. Das wird dafür sorgen, dass das Mietniveau insgesamt steigt“, meint Rolf Janssen, Geschäftsführer des DMB Mieterschutzverein Frankfurt am Main e.V. „Politiker müssen diese Entwicklung sehen und Gegenmassnahmen ergreifen.“