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Archiv des Autor: Hartmut Bräunlich

Eklat wegen Luxus-Bauprojekt am Hochmeisterplatz

Das Stadtbauamt hat offenbar das Projekt am Hochmeisterplatz im Alleingang genehmigt. Baustadtrat Oliver Schruoffeneger will nichts davon gewusst haben.

Bis Sommer 2019 soll das Wohnquartier „Am Hochmeisterplatz“ in Halensee zwischen Cicero- und Nestorstraße fertig gestellt sein. Dort, wo bis vor kurzem noch die alte Post stand, werden luxuriöse Eigentumswohnungen entstehen. Insgesamt 114 Stück plant Investor „Bauwert“ auf einer Gesamtwohnfläche von 10.000 Quadratmetern, verteilt auf sieben Etagen. Der Quadratmeterpreis liegt zwischen 7100 und 15.000 Euro.

Das es dazu gekommen ist, sorgt im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf für einen Skandal: Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) zufolge hat seine Baubehörde das umstrittene Neubauprojekt bereits am 30. August genehmigt. Das erklärte er am Mittwoch im Stadtentwicklungsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) und erntete einen Sturm der Entrüstung. Denn er selbst hatte augenscheinlich über Wochen keine Kenntnis davon. So antwortete er in den beiden vorhergehenden Ausschusssitzungen am 6. und am 20. September stets auf Nachfragen, dass es in der Causa Hochmeisterplatz nichts Neues gebe.

„Es ist leider so gelaufen, und das werden wir intern auch noch diskutieren“, sagte Schruoffeneger nun diese Woche. Die Kommunikation sei schlecht gewesen, der Bauantrag aber nach Einschätzung seiner Behörde aber nicht ablehnbar.

CDU unterstellt Führungsschwäche

Fraktionsübergreifende Kritik der Bezirkspolitiker folgte umgehend. Der stadtentwicklungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Johannes Heyne, forderte, dass Schruoffeneger, der seit November 2016 im Amt ist, jetzt in seinem Stadtentwicklungsamt aufräumt. Denn dieses führe offensichtlich seit Jahren ein Eigenleben.

Der CDU-Verordnete Hans-Joachim Fenske geht noch einen Schritt weiter. „Das zeugt von einer absoluten Führungsschwäche.“ Denn der Baustadtrat wisse offensichtlich nicht, was in seiner Abteilung passiert. Grade bei so einem sensiblen Neubauprojekt, wie dem am Hochmeisterplatz, hätte er in seine Abteilung reinhorchen und Informationen einfordern müssen. Stattdessen seien die Bezirksverordneten und die Anwohner in dieser Sache kontinuierlich übergangen und jetzt vor vollendete Tatsachen gestellt worden – und das nicht zum ersten Mal.

Denn im vergangenen März gab Bauwert bekannt, dass beide Ausläufer des u-förmigen Blocks nach Norden so verlängert werden, dass sie dort an die Bestandsbauten anschließen. Zum Lückenschluss aufgefordert hatte jedoch zuvor das Stadtplanungsamt. „Das ist das eigentlich Verwerfliche“, so der CDU-Verordnete Fenske. Denn das ohnehin schon überdimensionierte Gebäude würde so nur noch wuchtiger werden.

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Mieten in Südende steigen um fast 50 Prozent

Steglitz. Von drastischen Mieterhöhungen sind zunehmend auch Steglitz-Zehlendorfer betroffen. Jüngstes Beispiel: Für Mieter der börsenorientierten Wohnungsgesellschaft Deutsche Wohnen SE in Südende steigt die Miete um fast 50 Prozent.

Betroffen sind die Wohnanlagen Liebenowzeile, Borstellstraße, Denkstraße, Stephanstraße, Benzmannstraße und Steglitzer Damm. Sebastian Serowy, wohnungspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung spricht von einer Mietenexplosion. Bereits Anfang des Jahres habe es reguläre Mieterhöhungen von 15 Prozent gegeben. Mit Austausch der Fenster drohe nun die Umlage der „Modernisierung“ auf die Mieter. Serowy: „Das bedeutet eine Erhöhung der Nettokaltmiete um weitere 34 Prozent. Auch für das nächste Jahr sind Modernisierungen angekündigt.“

Marko Rosteck, Pressesprecher der Deutschen Wohnen SE, stellt auf Nachfrage fest, dass auf einen Teil der Mieterschaft tatsächlich eine etwa 50-prozentige Mieterhöhung zukomme. Anfang 2017 sei das sehr niedrige Mietniveau für Teile des Bestandes dem Mietspiegel angepasst worden. Richtig sei auch, dass die Fenster in der kompletten Anlage ausgetauscht wurden. Eine Umlage auf die Miete würde gemäß BGB § 559 „Mieterhöhung nach Modernisierungsmaßnahmen“ erfolgen. Über 20 Mieter hätten die Möglichkeit genutzt, finanzielle Härte anzumelden. Dies sei von der Deutsche Wohnen SE „umstandslos anerkannt“ worden. „Keiner der Mieter musste aufgrund von Mietanpassungen seine Wohnung aufgeben“, sagt der Unternehmenssprecher.

Das Mietniveau läge mit unter sechs Euro Kaltmiete pro Quadratmeter immer noch fast 50 Cent unter der ortsüblichen Vergleichsmiete. Das läge auch darin begründet, dass Teile des Wohnungsbestandes bis Ende 2016 öffentlich gefördert wurden. Die Förderung sei inzwischen abgelaufen.

Während Serowy Veränderungen in der sozialen Zusammensetzung der Bewohner des Kiezes befürchtet, sieht Bürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) noch keine Gefahr. Sie versichert indes, dass das Bezirksamt sich bewusst sei, dass die Mieterhöhungen negativen Folgen für die Mieter im Bezirk haben könnten. Das Bezirksamt werde aufmerksam sein. „Das gilt besonders im Fall der Deutsche Wohnen“.

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Wohnungsverband warnt vor „Donut-Dörfern“

Steigender Altersdurchschnitt und Abwanderung stellen Dörfer in Deutschland vor Probleme. Und trotzdem werden auf dem Land noch viele Einfamilienhäuser gebaut. Nun soll gegengesteuert werden.

Der Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW) hat die Regierung in Kiel davor gewarnt, wie angekündigt die Vorgaben der Landesplanung zu flexibilisieren. Der Baubedarf auf dem Lande sei in Deutschland bereits übererfüllt, erklärte der Verband am Freitag. Auch im Norden entstünden mehr Wohnungen, als langfristig gebraucht werden. Das liege daran, dass auf dem Land noch viele Einfamilienhäuser gebaut würden, obwohl dort wegen steigenden Altersdurchschnitts und Abwanderung vor allem kleinere Wohnungen benötigt würden. So entstünden „Donut-Dörfer“: „In der Mitte zerfällt der Ortskern, außen wuchert ein Ring aus Neubaugebieten.“

Um gegenzusteuern, müsse der Geschosswohnungsbau wiederbelebt werden. „Wir brauchen eine Steuerung des Landes, um bereits spürbaren Fehlentwicklungen entgegenzuwirken“, sagte VNW-Direktor Andreas Breitner. „Wir wollen bauen, aber wir brauchen auch die passenden Rahmenbedingungen.“ Die Kluft zwischen Stadt und Land sowie zwischen reichen und armen Städten und Bundesländern sei gewachsen. Nichts deute darauf hin, dass sich dies in den nächsten Jahren ändern werde.

n Boomregionen um Großstädte wie Hamburg, aber auch um mittelgroße Städte wie Lübeck und Kiel gebe es eine gesunde Wirtschaftsstruktur, sagte Breitner. Die Kehrseite seien steigende Mieten. Anderswo gebe es verödende Orte. „Hier die prosperierenden Ballungsräume, die zunehmend mehr überhitzen, dort der Rest, in dem das Leben immer schwieriger wird.“ Schleswig-Holstein brauche einen Pakt für die Entwicklung der ländlichen Gebiete.

Erst aufwendig sanieren, dann die Miete drastisch erhöhen

Lange verfielen tausende Sozialwohnungen. Nun werden sie aufwendig saniert. Das lässt die Mieten sprunghaft steigen – besonders bei der Gesellschaft „Deutsche Wohnen“. Die Berliner Politik will dem entgegentreten.

Die Stimme von Roger Bach bebt. „Uns kriegen sie hier nicht weg“, ruft er angriffslustig. „Zur Not kette ich mich im Hof an einen Baum.“ Bach ist gebürtiger Prenzlberger, er wuchs in der kleinen Wohnanlage an der Prenzlauer Allee zwischen Grellstraße und Ringbahn auf. Seit 1937 lebt seine Familie hier, seine 84 Jahre alte Mutter ist als Erstmieterin noch immer im gleichen Haus. Doch nun sieht Bach seine Mutter von Entwurzelung bedroht. Das Haus gehört inzwischen der „Deutsche Wohnen“, und vor kurzem hat Berlins größtes privates Wohnungsunternehmen eine umfassende Sanierung der Anlage angekündigt.

Seither geht unter den Bewohnern die Angst um. Roger Bach, früher selbst im Bauwesen aktiv, hat sich die Projektunterlagen besorgt. Seine fachmännische Einschätzung für die Zukunft der Ein- und Zweizimmerwohnungen: „Ich gehe von Mietsteigerungen zwischen 200 und 300 Euro aus.“ Er schnaubt wütend: „Hier wohnen fast nur Leute mit geringem Einkommen. Wer soll das bezahlen?“

Wie den Bachs ergeht es tausenden Mietern. Es sind die finanzschwächsten Einwohner der Stadt. Plötzlich finden sie sich im Zentrum des Renditekampfs auf dem Wohnungsmarkt wieder. Sie sind die menschliche Variable in einer Aufgabe, an der Berlin nach der Wende schon gescheitert ist: Wie lassen sich heruntergekommene Häuser modernisieren, ohne dass die Bewohner hinaussaniert werden?

Bezirkspolitiker inszenieren sich als Retter

Um diese Frage tobt ein Deutungskampf. Bürgerinitiativen skizzieren eine drohende Massenvertreibung der Altmieter. Die „Deutsche Wohnen“ wirft ihnen Panikmache vor. Bezirkspolitiker inszenieren sich als Retter. Dabei sind die Probleme hausgemacht. Anfang der 2000er Jahre versetzte das klamme Berlin sein Tafelsilber, darunter die kommunalen Wohnungsgesellschaften GSW und Gehag. Fast ein Drittel aller städtischen Wohnungen wurden privatisiert.

Das historisch niedrige Mietniveau und der starke Zuzug lässt nun Anleger und Spekulanten im aufgeheizten Berliner Immobilienmarkt träumen – auch die Aktionäre der „Deutsche Wohnen“. Die meisten ihrer gut 110 000 Wohnungen entstammen alten GSW- und Gehag-Beständen. Sie befinden sich in teils denkmalgeschützten Wohnsiedlungen, in Siemensstadt, der Gropiusstadt oder der Siedlung Westend (siehe Grafik). Errichtet vor allem für Geringverdiener, versorgen sie die einkommensschwächsten Haushalte der Stadt bis heute mit günstigem Wohnraum. Noch.

Mieterverein kritisiert Tricks, um Mietspiegel zu umgehen

Gerade die „Deutsche Wohnen“ setzt laut Wibke Werner vom Mieterverein „alle Tricks und Kniffe ein, um den Mietspiegel zu umgehen“. Darunter seien nicht nur ungerechtfertigte Mieterhöhungen und überhöhte Betriebskostenabrechnungen, gegen die sich Mieter zumindest vor Gericht wehren können. Mit Vehemenz setze die Firma auf die effektivste legale Mietsteigerungsstrategie: Modernisierung und energetische Sanierung.

Mieterverein und Bürgerinitiativen werfen dem Unternehmen vor, dass es Gebäude zunächst jahrelang verfallen lässt. Defekte Heizungen, Aufzüge, Türen und Sanitäranlagen würden trotz Meldungen wochenlang nicht repariert. So werde künstlich ein Instandhaltungsstau erzeugt, den man schließlich mit umfassender Modernisierung behebe. „So verkauft man uns die Instandhaltung als teure Modernisierung“, klagt Michaela Pietrzik aus der Eisenbahnersiedlung in Treptow.

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Das bedeutet Jamaika für Mieter und Hauskäufer

Milliarden für neue Wohnungen, höheres Wohngeld – und womöglich das Ende der Mietpreisbremse. Sollten Union, FDP und Grüne gemeinsam regieren, würde sich beim Wohnen vieles ändern.

Die vergangene Legislaturperiode war eine teure Zeit für Menschen, die eine neue Wohnung suchen: Seit der Bundestagswahl 2013 ist die durchschnittliche Miete in Wohnungsinseraten um zwölf Prozent gestiegen, zeigt die Preisdatenbank der Beratungsfirma Empirica. Eigentumswohnungen und Eigenheime kosten im Schnitt fast 20 Prozent mehr als Ende 2013, zeigt der Preisindex des Verbands Deutscher Pfandbriefbanken. Vor allem in den Ballungszentren ist Wohnen teurer geworden.

Zwar ist Wohnungspolitik immer auch Sache der Länder und Kommunen. Obendrein waren die Rahmenbedingungen schwierig: Einem starken Zuzug aus dem In- und Ausland in die Städte stand der Bau von nur einer Million neuer Wohnungen in vier Jahren gegenüber. Außerdem lassen die niedrigen Zinsen das Interesse an Immobilien steigen. Trotzdem haben die Parteien im Bundestagswahlkampf mit Wohnungspolitik geworben: Sie versprachen etwa, Immobilienkäufer zu entlasten oder das Wohngeld zu reformieren. Union, FDP und Grüne werden also auch über Wohnungspolitik verhandeln, wenn sie eine Regierungskoalition sondieren.

Mietpreisbremse

Ein Jamaika-Bündnis könnte den größten wohnungspolitischen Eingriff der vergangenen Legislatur verwerfen: die Mietpreisbremse. In angespannten Wohnungsmärkten dürfen Eigentümer seit zwei Jahren, wenn sie eine Wohnung neu vermieten, höchstens zehn Prozent mehr verlangen als die ortsübliche Miete für Wohnungen dieser Qualität. Das Gesetz, das bis 2020 befristet ist, kennt aber viele Ausnahmen. Im August sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), es habe sich gezeigt, dass die Mietpreisbremse das Problem nicht löse. Seit seiner Einführung wehrt sich die Union gegen Forderungen, das Gesetz zu verschärfen. „Wir nehmen die Kanzlerin beim Wort, dass es keine Verschärfung der Mietpreisbremse geben wird“, sagt Jürgen Michael Schick, Präsident des Immobilienverbands Deutschland (IVD). Auch die FDP lehnt die Mietpreisbremse ab.

Eine Jamaika-Koalition könnte das Gesetz also im Jahr 2020 auslaufen lassen – es sei denn, die Grünen setzen sich mit ihrer Forderung durch, die Mietpreisbremse bis zum Jahr 2025 zu verlängern und die vielen Gesetzeslücken zu schließen. Doch ob ein möglicher FDP-Justizminister (die Liberalen haben dieses Ressort auf Bundesebene oft beansprucht) tatsächlich eine Preisbremse verschärfen würde, darf bezweifelt werden. Das zeigt die Landespolitik: In Nordrhein-Westfalen will die schwarz-gelbe Regierung die Mietpreisbremse entweder abschaffen oder auslaufen lassen. In Schleswig-Holstein hat das Jamaika-Bündnis im Koalitionsvertrag angekündigt, das Gesetz „durch geeignetere Instrumente“ zu ersetzen.

Wohngeld

Mehr als 650 000 Haushalte in Deutschland erhalten Wohngeld, damit ihnen neben der Miete noch genug zum Leben bleibt. Die Voraussetzungen dafür hat die Bundesregierung zuletzt im Jahr 2016 an die gestiegenen Mieten und Einkommen angepasst – zum ersten Mal seit sieben Jahren. Eine schwarz-gelb-grüne Regierung dürfte das Wohngeld schnell und spürbar erhöhen, sagt Lukas Siebenkotten, Bundesdirektor des Deutschen Mieterbundes. „Das wollen alle möglichen Jamaika-Koalitionäre.“ So spricht sich die FDP dafür aus, das Wohngeld sollte jährlich an die Mietentwicklung vor Ort angepasst werden.

Mit der Reform des Wohngelds könnte ein Klimazuschuss kommen: Bislang müssen viele Wohngeld-Bezieher ausziehen, wenn ihre Wohnung energetisch saniert wird. Denn wenn der Vermieter die vollen elf Prozent der Modernisierungskosten auf die jährliche Miete umlegt, sind viele sanierte Wohnungen zu teuer für die staatlichen Anforderungen. Die Grünen fordern daher eine Klima-Komponente im Wohngeld; zudem wollen sie die Modernisierungsumlage senken. Letztere Forderung war zwar Teil des Koalitionsvertrags von Schwarz-Rot, wurde aber nie umgesetzt.

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Berlin verliert weiter bezahlbare Wohnungen

Im vergangenen Jahr ist die soziale Bindung von knapp 9000 Wohnungen in Berlin gefallen. Bis 2025 wird das Angebot weiter schrumpfen. Der Neubau kommt nicht nach.

Die schlechten Nachrichten aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung reißen nicht ab. Die neueste Hiobsbotschaft trifft die Koalition ins Mark, denn sie besagt im Kern: Noch nie war Rot-Rot-Grün so weit entfernt von dem eigenen, im Koalitionsvertrag festgelegten Ziel, Wohnraum für breite Schichten der Bevölkerung zu schaffen und die soziale Mischung der Quartiere zu bewahren. Dazu bedarf es günstiger, öffentlich geförderter Wohnungen. Doch deren Zahl steigt nicht, sondern schrumpft in schwindelerregendem Tempo. Das könnte tausende Mieter in wirtschaftliche Not stürzen.

Denn wenn die Fristen für die Bindungen der Mieten von Sozialbauten auslaufen, dann dürfen Hauseigentümer die Mieten kräftig anheben. Und allein im vergangenen Jahr sind 8718 Wohnungen wegen ausgelaufener Bindung aus dem Bestand der Berliner Sozialwohnungen „abgegangen“. Anfang dieses Jahres besitzt das Land nur noch 115.644 geförderte Mietwohnungen zur Versorgung von Menschen mit geringen Einkünften. Und weil bestenfalls 1100 neu gebaute Sozialwohnungen in diesem Jahr hinzukommen, sinkt das Angebot weiter. Ein Ende der Schrumpfungskur ist nicht abzusehen, jedenfalls nicht bis zum Jahr 2025.

In Berlin hat die Wohnungsnot längst die Mittelschicht erreicht

Dieses düstere Szenario trifft eine Stadt, in der die Wohnungsnot längst die Mittelschicht erreicht hat. Und es stammt nicht von der Opposition, sondern von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung selbst. Mit der „roten Nummer 0644“ informierte der Staatssekretär der Verwaltung Sebastian Scheel am 18. September das Abgeordnetenhaus über die besorgniserregende Entwicklung beim sozialen Wohnungsangebot. Dabei hat der Senat sogar noch großzügig gerechnet und dem „Abgang“ von Sozialwohnungen zahlreiche Neubauten gegenübergestellt: Fast 34.000 sollen in nur einem Jahr entstehen, im Jahr 2025. Viele Experten bezweifeln jedoch, dass es dafür genügend Bauland gibt.

Der Senat hat zu spät auf die Wohnungsnot reagiert

In diese missliche Lage gebracht hat Berlin der rot-rote Senat unter Klaus Wowereit (SPD). Dessen Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) hatte die Förderung des Sozialen Wohnungsbaus abrupt beendet mit der Absicht, den Haushalt dadurch um die Fördermillionen zu entlasten. Mangels „Anschlussförderung“ kommen die Sozialwohnungen nun auf den freien Markt. Verantwortlich für den Verlust tausender Sozialwohnungen ist auch die damalige Senatorin Ingeborg Junge- Reyer (SPD): Mit dem Wohnraumgesetz 2011 legalisierte sie die Flucht aus dem Sozialen Wohnungsbau, weil so beim ersten Verkauf einer Sozialbaus alle sozialen Bindungen wegfielen und die Wohnungen zu Marktmieten angeboten werden durften. Gebaut wurde unter Junge-Reyer nichts. Dabei überwies der Bund jährlich Millionen Euro für Berlins sozialen Wohnungsneubau.

„Drei viel zu lange Jahre hat es gedauert, bis der Senat auf die Wohnungsnot reagiert hat, deshalb nimmt das Drama jetzt seinen Lauf“, sagt der Chef des Berliner Mietervereins Reiner Wild. Bereits im Jahr 2011 habe es deutliche Anzeichen für die Wohnungsnot in Berlin gegeben. Doch erst 2014 kam eine neue Förderung. Erst weitere zwei Jahre später wurden die ersten neuen Wohnungen fertig: 100 an der Zahl, im vergangenen Jahr.

Dass immer mehr Hauseigentümer aus den Förderprogrammen aussteigen, hat außerdem handfeste wirtschaftliche Vorteile: Wer das Förderdarlehen zurückzahlt, spart Zinsen und Sanierungskosten ohne Einschränkungen auf die Mieten umlegen. Weil viele Immobilien in guter Innenstadtlage stehen, spekulieren Investoren oft auf deren Umwandlung in teuer gehandelte Eigentumswohnungen.

Berlin fehlt es an Baukapazitäten, Bauland und Zustimmung für Neubaupläne

Bei der Bauverwaltung hieß es, man wolle durch einen Bündel von Maßnahme den Verlust an Sozialwohnungen ausgleichen. So sollen landeseigene Firmen „60 Prozent der neuvermieteten Wohnungen an WBS-Empfänger vergeben“. Mehr Geld soll für den geförderten Wohnungsbau fließen, damit „bis 2021 jährlich 5000 neue Wohneinheiten“ entstehen. Auch arbeite der Senat an einer „Novellierung des Wohnraumgesetzes“.

Doch nach einer Umfrage von Berlins größtem Wohnungsverband BBU unter seinen Mitgliedern fehlt es in der Stadt an Baukapazitäten, an Bauland und an Zustimmung in der Bevölkerung für Neubaupläne. Diese Hürden stünden dem Ziel im Wege, bis zum Jahr 2030 die auch vom Senat für nötig erachteten zusätzlichen 200.000 neuen Wohnungen zu schaffen.

Zuletzt hatten die sechs landeseigenen Wohnungsunternehmen in einem Brandbrief an Bausenatorin Lompscher gewarnt, dass sich die Bereitstellung der vom Land Berlin zugesagten Flächen für den Bau günstiger Wohnungen verzögere. Sprecher von Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD), zuständig für die Liegenschaftspolitik, weist das zurück: „Fünf Tranchen mit insgesamt 140 Grundstücken mit einem Wertvolumen von rund 281 Millionen Euro“ würden an die Firmen gehen und „Projektverträge“ verpflichteten diese dazu, darauf bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

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Alleinerziehende Münchner: Sie sind Außenseiter am Mietmarkt

Wohnraum in München ist knapp. Besonders für Alleinerziehende ist es kaum möglich, in der Stadt ein Zuhause zu finden. Wir stellen drei glücklose Frauen vor.

Sie lieben ihre Kinder und tun für sie, was sie können. Aber viele Alleinerziehende, in der Mehrzahl Frauen, plagt in München ein nicht unerhebliches Problem. Sie fallen am angespannten Mietmarkt durchs Raster. Das trifft nicht mehr nur finanziell schwächer gestellte Mütter, sondern auch solche, die höhere Mieten zahlen könnten. „Alleinerziehende haben auf dem Wohnungsmarkt kaum eine Chance“, bestätigt Anja Franz vom Mieterverein München. „Die Vermieter sortieren sie aus, sie wollen lieber Paare ohne Kinder: doppeltes Einkommen, kinderlos.“

Eine Katastrophe für Alleinerziehende. Von ihnen gibt es viele in München. 90.000 alleinerziehende Mütter und 15.000 alleinerziehende Väter leben hier. Sie stehen oft vor großen Herausforderungen, managen Beruf und Kinderbetreuung alleine. Bei der Wohnungssuche geben ihnen aber viele Vermieter keine Chance. Wir stellen drei Frauen vor, die seit Jahren für sich und ihre Kinder eine Bleibe suchen.

Fall 1: Barbara Bortolone

Seit 13 Jahren wohnt Barbara Bortolone (51) in einem Eckhaus in Hadern in der Straße Am Ährenfeld. Zusammen mit ihrem Sohn (14) und ihrer Enkelin (10), für die sie das Sorgerecht besitzt. Die Enkelin ist geistig und körperlich schwer behindert, braucht viel Förderung und Pflege. Dennoch hat es Barbara Bortolone trotz Vollzeitjob immer auch noch geschafft, den Vorgarten schön zu dekorieren. Und sie kann als Geschäftsführerin viel mehr zahlen als andere und konnte sich deshalb ein schönes Miethaus leisten.

Das nutzt ihr nun aber nichts. Vor drei Jahren wurde das Haus verkauft, an einen Nachbarn. Der sagt, er wolle selbst einziehen und kündigte ihr. „Ich machte einen Fehler, auch weil mich mein Anwalt schlecht beriet, und unterschrieb vor drei Jahren, dass ich Ende 2017 ausziehe“, sagt Barbara Bortolone. Seitdem wächst ihre Verzweiflung. Denn sie findet keine neue Bleibe für sich und die Kinder. Eine kleine Wohnung reiche nicht, sagt sie. Um alles zu bewältigen, braucht die Geschäftsführerin die Unterstützung eines Au-Pair-Mädchens, das bei ihr im Keller wohnt. Für die 140 Quadratmeter in Hadern zahlt sie derzeit 2000 Euro Kaltmiete – sogar ein wenig mehr wäre drin. Immer, wenn sie sich für ein Haus oder eine große Wohnung beworben habe, seien aber andere Interessenten zum Zug gekommen. „Dabei habe ich immer pünktlich gezahlt, eine saubere Schufa und halte Ordnung“, sagt die 51-Jährige.

Sie ist völlig verzweifelt. Der Vater des Vermieters sagte auf Anfrage, wer in drei Jahren nichts finde, der suche wohl nicht ordentlich. Barabara Bortolone solle doch in ein kleines Haus ziehen, das ihre Firma für Putzpersonal angemietet hat. „Das geht nicht“, sagt Bortolone. „Es ist ein Drei-Zimmer-Abrisshaus, das die Firma gemietet hat und nicht ich privat. Für uns wäre es viel zu klein.“ Dass sie und die Kinder Platz brauchen, habe mit Luxus nichts zu tun. „Das Au-Pair braucht einen eigenen Bereich, und ohne Au-Pair könnte ich meinen Job nicht mehr machen.“

Fall 2: Anne Führer

Anne Führer (31) weiß nicht, was sie falsch macht. Sie hat sich, als sie hörte, dass in Hadern eine Wohnung frei wird, sofort beworben, alle Unterlagen geschickt. Doch der Vermieter gab ausweichende Antworten, lud andere Interessenten zur Besichtigung ein. Von einer Bekannten erfuhr Anne Führer, der Vermieter wolle keine Alleinerziehende.

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In Berlin steigen die Mieten für Studenten am stärksten

Studenten müssen in Deutschland laut einer Studie immer mehr Geld für Miete ausgeben. Vor allem in Berlin ist der Anstieg der Mieten rasant

Vor allem in Groß- und Universitätsstädten stiegen die durchschnittlichen Preise bei Neuvermietungen für Studenten seit 2010 um bis zu rund 70 Prozent, wie ein Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln ergab, das den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Montag) vorliegt.

Den stärksten prozentualen Anstieg verzeichnete Berlin mit 70,2 Prozent – und zwar von rund 6,20 Euro auf rund 10,50 Euro pro Quadratmeter. Es folgen Stuttgart mit 62,2 Prozent und München mit 53,1 Prozent.

Miet-Anstieg um 70,2 Prozent in Berlin

In Hamburg stiegen die Nettomieten für Studenten um 30,6 Prozent von rund 9,30 Euro auf rund 12,10 Euro pro Quadratmeter, wie es in der Studie im Auftrag des Immobilieninvestors Deutsche Real Estate Funds Advisor heißt. Auch in Köln (plus 22,3 Prozent), Bonn (24,9 Prozent), Kiel (35,3 Prozent) und Leipzig (23,6 Prozent) verteuerten sich die Mieten deutlich. Der geringste Anstieg wurde in Jena mit 9,7 Prozent ermittelt. Die Studie basiert auf einer Datenauswertung von Inseraten der Internetplattform ImmobilienScout24 für 15 Städte.

Warum die Mieten steigen: knapper Wohnraum, möblierte Wohnungen 

Der deutliche Anstieg sei nicht nur auf die generell zunehmende Verknappung von Wohnraum in begehrten Lagen zurückzuführen, erklärte der IW-Immobilienexperte Michael Voigtländer. Grund sei vielmehr auch, dass immer mehr Mietwohnungen möbliert angeboten würden, was die Preise zusätzlich in die Höhe treibe.

So werden laut Studie in Berlin 8,5 Prozent der Studentenappartements möbliert angeboten, in München sind es 18,2 Prozent – und damit in beiden Städten sieben Prozent mehr als noch 2010. In Stuttgart erhöhte sich der Anteil sogar um zehn Prozent auf 17,4 Prozent.

Berlin elf Euro bei Neuvermietungen im Durchschnitt

Die mit Abstand höchsten Neuvertragsmieten zahlen Studenten der Erhebung zufolge aktuell in München mit durchschnittlich 18,40 Euro je Quadratmeter. Sie liegen damit rund ein Viertel über dem zweitteuersten Standort Stuttgart mit 14,90 Euro pro Quadratmeter. Danach folgen Frankfurt (14 Euro), Hamburg und Heidelberg (12 Euro) sowie Berlin, Bonn und Köln, wo im Schnitt jeweils elf Euro bei Neuvermietungen fällig werden.

„Setzt sich die aktuelle Entwicklung fort, dann werden Studenten in der bayrischen Landeshauptstadt bald mehr als 20 Euro für einen Quadratmeter Wohnraum bezahlen müssen”, heißt es in dem Gutachten. Für eine typische Studentenbude mit 30 Quadratmetern werden laut Studie in München 665 Euro Warmmiete fällig, in Hamburg und Köln je 480 Euro, in Bonn 487 Euro, in Berlin 430 Euro und in Leipzig 327 Euro.

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Österreicher wollen „gefährlichste Straße Deutschlands“ aufmöbeln

Noch vor 15 Jahren standen in Leipzig 60.000 Wohnungen leer. Nun wächst die Stadt – und der Aufschwung soll auch die Eisenbahnstraße im Osten der Stadt erfassen

Die Eisenbahnstraße in Leipzig ist weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt: Die Bild-Zeitung bezeichnete die zwei Kilometer lange Straße im Osten der Stadt vor Jahren als die „gefährlichste Straße Deutschlands“. Das Viertel macht mit Drogenhandel, Bandenkriegen und Gewaltdelikten seit Jahren Schlagzeilen.

Besuchern stechen hier Wettlokale, leerstehende Geschäfte und mit Graffiti beschmierte Wände ins Auge – und immer öfter Bauzäune. Denn das Viertel befindet sich im Umbruch. Investoren haben die Gegend längst entdeckt und warten auf die „Gentrifizierung“.

Aber das sind nicht für alle hier gute Nachrichten: Im Gegensatz zu anderen Teilen der Stadt sind an der Eisenbahnstraße die Mieten mit Quadratmeterpreisen von unter vier Euro noch leistbar. Das hat in den letzten Jahren auch immer mehr Studierende, Kreative und Akademiker angelockt.

Renovieren und neu vermieten

Developer wie die österreichische S Immo AG, der hier im Grätzel drei Häuser und in ganz Leipzig 38 Objekte gehören, sehen die derzeitige Wohnsituation naturgemäß anders: „Teilweise herrscht bei den Mietern ein völlig anderer Zugang zum Thema Wohnen“, drückt sich Robert Neumüller, Geschäftsführer der S Immo Germany, diplomatisch aus. Die Wohnungen seien mit bis zu zwölf Mietern überbelegt, und deren Wohnverhalten zerstöre die Substanz der Häuser.

Bei einem Eckhaus direkt an der Eisenbahnstraße, das die S Immo AG erst im Juli einem dänischen Investor abgekauft hat, soll sich das „in den nächsten drei bis vier Jahren“ ändern. Zunächst soll das Haus „entmietet“ werden. Das werde zum Teil dadurch passieren, dass auslaufende Mietverträge nicht verlängert werden. Viele Mieter würden ihre Miete nicht bezahlen oder den Mietvertrag auf andere Art brechen, so Neumüller. Zudem würden die Bewohner nun auch bemerken, dass nach dem Eigentümerwechsel ein anderer Wind wehe.

Das Haus soll entkernt, renoviert und neu vermietet werden. Das langfristige Ziel: Bis zur Neuvermietung soll das Mietniveau entsprechend gestiegen sein: „Wir werden den Zeitpunkt abwarten, bis der Markt ein entsprechendes Niveau hergibt“, so Neumüller. Er hofft dann auf Mieten „jenseits der acht Euro“, also auf das Doppelte davon, was jetzt bezahlt wird.

Gewerbeflächen als Erfolgsfaktor

Ein Schlüssel zum Erfolg sind für die S Immo AG die Gewerbeflächen im Erdgeschoß, die an qualitätsvolle Mieter vergeben werden – und die wiederum ein neues Publikum anlocken sollen. Bei einem Haus in einer ruhigen Seitenstraße hat die S Immo AG gerade eine Fläche in Vorleistung renoviert. Für das im Rohbau befindliche Geschäftslokal soll bis spätestens Weihnachten ein entsprechender Mieter – zum Beispiel ein Plattenladen oder ein Café – gefunden werden.

Den Effekt kann man bei einem Haus in der Nachbarschaft schon beobachten: Im Erdgeschoß ist ein Bioladen eingezogen. Gerade kommt eine junge Frau mit einer Stofftasche heraus und geht zu ihrem Fahrrad, das vor dem Geschäft abgestellt ist. „Es kommt zu einer regelrechten Aufwärtsspirale für das gesamte Haus, wenn die Gewerbeflächen unten funktionieren“, sagt Neumüller.

Eine ähnliche Aufwärtsspirale hat längst große Teile der Stadt erfasst. Heute ziehen 16.000 Menschen pro Jahr hierher. Vor wenigen Jahren war Leipzig noch eine schrumpfende Stadt, weil Industrie und Menschen abwanderten. 60.000 Wohnungen standen vor 15 Jahren laut Schätzungen leer.

Incentives für Mieter

„Damals gingen die Mieter durch die Stadt und suchten sich Wohnungen aus“, erzählt Neumüller. Um Mieter anzulocken, wurde auf Incentives wie Fernsehgeräte, Waschmaschinen oder sogar Mallorca-Urlaube gesetzt. „Innerhalb von zehn Jahren gab es eine totale Trendumkehr“, sagt Neumüller heute. Leipzig durchlebe gerade die gleiche Entwicklung wie Berlin schon vor einigen Jahren.

„Wir kaufen uns Arbeit ein“, sagte Vorstandschef Ernst Vejdovszky über die Unternehmensstrategie, verborgene Schätze mit Potenzial einzukaufen – und dann zu entwickeln. Noch sei die Eisenbahnstraße nicht so weit, sagt Neumüller: „Aber sie kommt – und wir sind dann bereits da.“ (Franziska Zoidl, 30.9.2017)

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Bezirk will Kunger-Kiez schützen

Mieter wehren sich gegen Modernisierungsmaßnahmen im Milieuschutzgebiet

«Die Gentrifizierung ist nun auch im Karl-Kunger-Kiez angekommen. Viele meiner Nachbarn sind schon weggezogen. Doch ich lebe hier über 30 Jahre und will hier bleiben», sagt Rainer Abel. Von den rund 50 Alt-Treptower Mietern, die sich am Samstagabend in der Galerie KungerKiez trafen, erhielt er viel Zustimmung. Denn auch sie befürchten, sich ihre Wohnungen bald nicht mehr leisten zu können.

Dass es bei der Zusammenkunft nicht nur um einen Austausch von Ängsten ging, wurde schnell klar. «Wir müssen Nägel mit Köpfen machen und uns auf Aktionen einigen, sagte Moderator Wolfgang, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen wollte. Er trug ein T-Shirt mit dem Slogan »Wir sind das Milieu« – ein lokales Produkt, beschriftet von der Mietergemeinschaft aus der Karl-Kunger-Straße 19/20 und der Bouchéstraße 22 und 23. Die Bewohner haben von den Hauseigentümern, der Citec Immo Berlin GmbH mit Sitz in Wien, die Ankündigung einer energetischen Sanierung bekommen. Bis zum 30. September sollen die 46 Wohnungs- und drei Gewerbemieter dieser Maßnahme und der damit verbundenen Mieterhöhung zustimmen. »Doch die Mietergemeinschaft ist sich einig, dass sie die Unterschrift verweigert«, sagt Mieterin Clara Bernhard dem »nd«.

Beim stillen Protest ist es nicht geblieben: An der Hausfassade hängen Transparente mit den Parolen »Gegen Mietexplosion im Kungerkiez!« und »Kiez statt Kohle«. Ein Transparent im Innenhof soll von Unbekannten entfernt worden sein, sagt Bernhard. Doch die Mieter lassen sich nicht einschüchtern. Knapp 50 Bewohner haben einen Offenen Brief an Politiker des Bezirks Treptow-Köpenick, des Senats sowie an Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) gerichtet. Darin fordern die Mieter die Politiker auf, den Antrag der Citec nicht einfach abzunicken.

»Wir fordern den Bezirksstadtrat Rainer Hölmer (SPD) und seine Mitarbeiter auf, diese Maßnahme bei Eingang des Antrags auf Baugenehmigung strengstens zu prüfen und gegebenenfalls zu untersagen«, heißt es in dem Brief. Die Absender erinnern die Politiker an den Ermessensspielraum des Bezirksamts, das Modernisierungsmaßnahmen ablehnen kann, wenn dadurch preiswerter Wohnraum zerstört wird. Zudem erinnern die Bewohner der Citec-Häuser daran, dass die durch die energetische Sanierung verursachten Mieterhöhungen in keinem Verhältnis zu den tatsächlich eingesparten Energiekosten stünden.

»Was ist der Milieuschutz wert, wenn er seine Ziele verfehlt?« Mit dieser Frage endet das Schreiben. Damit erinnern sie an die vom Bezirksamt Treptow-Köpenick beschlossene Milieuschutzverordnung, die im Juli 2016 in Kraft getreten ist.

Ihre Sorgen brachten die Mieter auch auf der Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung am Dienstag ein. Linksfraktionsmitglied Ernst Welters sagte am Mittwoch dem »nd«: »Wir werden das weitere Geschehen intensiv beobachten. Wir wollen, dass es nicht zu Problemen für die Mieter kommt – sonst hätten wir uns den ganzen Milieuschutz gleich sparen können.« Letztlich könnten Baumaßnahmen untersagt werden.

Die Mieter wollen sich auch berlinweit vernetzen. Auch in anderen Citec-Häusern gab es bereits Anwaltsschreiben mit der Ankündung von Modernisierungen, verbunden mit beträchtlichen Mieterhöhungen. Es soll auch schon mal ein Gerüst vor einem Haus aufgebaut worden sein, obwohl es noch gar keine Baugenehmigung gab. Die Mieter im Karl-Kunger-Kiez wollen sich davon nicht abschrecken lassen.

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