big-berlin.land

Nach 40 Jahren fühlen sich Anwohner von Theater gestört

Seit fast 40 Jahren gibt es das Theater o.N. in Prenzlauer Berg. Jetzt fühlen sich Anwohner von ihm gestört.

 

Natürlich liegt es nicht am Namen, aber Glück hat der wohl nicht gebracht: Theater o.N. Oft werden die zwei Buchstaben als “ohne Namen” interpretiert. Aber die Theaterleitung wehrt ab, eher sei damit on gemeint, eine Verkehrung von Off-Theater. Tatsächlich könnte das Theater o.N. aber bald off sein oder o.O., ohne Ort. Im März bekam das Theater die Mitteilung, dass der Mietvertrag nicht verlängert wird, Ende Juli könnte der letzte Vorhang in der Kollwitzstraße 53 fallen.

Seit 20 Jahren ist das kleine Theater, das gerade mal 50 Zuschauer empfangen kann und das auch nur, wenn alle zusammenrücken, hier zu Hause. Gegründet wurde es schon 1979, um die Ecke in einem Ladenlokal in der Knaackstraße. Es hieß damals “Zinnober” und war das erste freie Theater der DDR. Mal wurde eine Aufführung erlaubt, mal fand sie im Verborgenen statt.

Diese Zeiten sind lange vorbei, aber einfacher ist es nicht geworden. Jetzt geht es nicht mehr um Inhalte, sondern darum, ob das 13-köpfige Ensemble überhaupt noch Theater spielen kann. Denn vielen Anwohnern ist das zu laut. “Beschwerden gibt es schon länger”, sagt Marianne Blankenfeld, Sprecherin der Eigentümergemeinschaft. Manche Eigentümer hätten sich beschwert, weil bei offenem Fenster gespielt wurde, andere weil auch nach 22 Uhr manchmal keine Ruhe war. “Vor zwei Jahren kam das auf den Tisch, als es um die Verlängerung des Mietvertrags ging.” Sie selbst habe keine Probleme mit dem Theater, “ich hätte es gern weiter im Haus”, aber die Mehrheit der 27 Eigentümer wolle kein Theater mehr im Gebäude.

Es ist nicht das erste Mal, dass es viel Lärm um Lärm im Kiez gibt und dass eine Institution aus Prenzlauer Berg verschwindet. Der Knaack-Club in der Greifswalder Straße musste nach 59 Jahren Ende 2010 schließen, weil es Beschwerden über die Lautstärke gab. Auch Magnet, Icon und Klub der Republik existieren nicht mehr oder mussten zumindest den Bezirk verlassen. Der Kampf um die Nacht ist längst entschieden.

Die Solidarität für das Theater ist in der Kulturszene groß

Aber jetzt geht es nicht um die Nacht. Das Theater o.N. spielt vor allem für Kinder im Kita- und Grundschulalter, die meisten Vorstellungen gibt es daher am Vormittag, nur am Wochenende auch mal nachmittags. Abends findet nur etwa fünfmal im Monat eine Veranstaltung statt. Dennoch fühlen sich viele Anwohner gestört. Schon vor zwei Jahren gab es Beschwerden, “ganz überraschend kam das Schreiben der Eigentümer daher nicht im März”, gibt Dagmar Domrös zu, die zusammen mit Vera Strobel das Theater leitet. Seitdem kämpfen sie für ihr Theater und seinen Standort. Weithin sichtbar ist das auf dem Banner über dem Theatereingang: “Wir wollen bleiben!” Seit Ende März gibt es jede Woche den “Soli-Freitag”, einen offenen Brief an die Senatsverwaltung haben mehr als 1500 Menschen unterschrieben, und das Deutsche Theater hat gerade eine Diskussionsrunde für das Theater o.N. veranstaltet zum Thema: “Wo bleibt der Raum für die Kultur?”

Das Theater hat wohl nur noch Raum in der Kollwitzstraße, wenn der Schallschutz verbessert wird. Der ist schon seit zwei Jahren Thema. Domrös und Strobel haben einen Gutachter beauftragt, aber seine Vorschläge reichten der Eigentümergemeinschaft offenbar nicht aus. Sie bestellten selbst einen Gutachter, dessen Vorschläge allerdings für die Theatermacher nur schwer umzusetzen sind. “Der Theaterraum würde dadurch deutlich verkleinert, das heißt wir könnten viele Stücke nicht mehr spielen, weil die Bühnenbilder zu groß sind, und es gäbe auch nur noch Platz für 35 Zuschauer”, schätzt Dagmar Domrös. Mal abgesehen von den Kosten, die laut Gutachter bei einer sechsstelligen Summe liegen sollen. Also mindestens 100.000 Euro. Das ist auch die Summe, die das Theater im Jahr vom Senat als Basisförderung bekommt. Mehr als die Basis lasse sich davon aber nicht bezahlen, so Domrös. Die Situation scheint verfahren.

Die Theaterleiterinnen hoffen nun auf Hilfe von der Senatsverwaltung. Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert versucht zu vermitteln, will aber zum jetzigen Zeitpunkt keine Details nennen, nur so viel sagt er der Berliner Morgenpost: “Wir sind dabei, eine Lösung zu finden.” Auch Marianne Blankenfeld spricht davon, dass es “neue Konditionen” gebe, präziser wird sie nicht.

Eine Lösung könnte auch ein Umzug sein, sofort oder zum späteren Zeitpunkt, doch ein Standort ist noch nicht spruchreif. Zu weit will das Theater aber nicht wegziehen, es sei ja im Kiez zu Hause, betont Domrös. Temporär könnte das Theater o.N. ohne festen Wohnsitz sein, gleich ob ein Umzug oder ein Schallschutzumbau ansteht. Ausweichspielstätten für begrenzte Zeit haben schon die benachbarte Schaubude und die Brotfabrik in Weißensee angeboten.

Auf den Spielplätzen ist es schon wieder etwas ruhiger

 

Weiterlesen

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.