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Kleines Gewerbe in großen Städten ist bedroht

Ein Teeladen, eine Buchhandlung, eine Bäckerei – sie alle bekamen zum Jahreswechsel die Kündigung, weil sie die geforderten Mieterhöhungen nicht zahlen können. Sechs Monate bleiben den drei Gewerbetreibenden aus Berlin – so lange läuft die Kündigungsfrist. Umziehen? Kämpfen? Oder kapitulieren?

Es ist Anfang des Jahres 2017. Sabine Landsberger sitzt vor ihrem Teeladen und blickt auf vier Schuttcontainer. Und einen Bauzaun. Am Haus nebenan quält sich ein Lastenaufzug an der Fassade empor. Er transportiert Material für einen Dachgeschossausbau.

“Und im Oktober, als die Modernisierungen des Hinterhauses angekündigt wurden, betrat ein junger, smarter Vertreter des Eigentümers dieses Hauses meinen Laden, der war mit Kunden an diesem Tag sogar voll, und der sagte: Guten Tag, er möchte sich vorstellen, er ist der und der und wir müssten mal über meine Miete reden.”

Seit 20 Jahren verkauft Sabine Landsberger in ihrem kleinen Laden im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg Tee. Alles um sie herum hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten verändert, die Immobilienmakler haben den Kiez schon kurz nach der Wende entdeckt. Nur Sabine Landsberger und ihr Teeladen waren eine Konstante.

“Und dann bekam ich auf einmal einen Anruf von der Hausverwaltung. Und da sagte mir die Dame am Telefon: Wenn Sie sich jetzt nicht mit mir auf einen Termin einlassen, dann bin ich beauftragt, Ihnen die Kündigung zuzuschicken, zum 30.6. Da habe ich natürlich geheult, habe aber ‘ja’ gesagt.”

Bei dem Termin kommt heraus, was zu erwarten war: Die Miete soll deutlich erhöht werden, aber der Teeladen kann so viel Geld nicht erwirtschaften, also muss Sabine Landsberger raus. Dass ihre Existenz damit ruiniert ist, ist zweitrangig. Und weil Gewerbemieten frei verhandelbar sind, kann sich Sabine Landsberger auch nicht wehren.

“Nun hat die Gentrifizierung auch uns erwischt”

Nur wenige Kilometer weiter in Kreuzberg steht die Existenz von Thorsten Willenbrock und seinem Kollegen auf dem Spiel. Der Buchhändler und die Teeladenbesitzerin kennen sich nicht, aber sie verbindet dasselbe Schicksal.

“Ich bin neunzehneinhalb Jahre dabei und die Buchhandlung besteht seit 20 Jahren”.

180 Teesorten und 1000 Postkarten – Kleingewerbe im Prenzlauer Berg (Deutschlandradio / von Aster)

Nun soll sie raus, die Mieterhöhung kann Buchhändler Willenbrock nicht bezahlen. Er will verhandeln, aber fristgerecht liegt die Kündigung zum 31. Mai im Briefkasten.

“Der Schock, bei mir hat der sich so ausgewirkt, dass ich zwei Wochen lang nicht schlafen und essen konnte. Dann haben wir erfahren, dass es vielleicht schon einen potenziellen Nachmieter gibt, der vielleicht schon einen Mietvertrag unterschrieben hat.”

Ein Brillenladen aus den Niederlanden sucht einen Showroom im Szeneviertel. Die beiden Buchhändler hängen zwei DIN-A 4-Blätter an die große Fenster-Front. “Nun hat die Gentrifizierung auch uns erwischt”, schreiben sie darauf.

Café Filou: Kann weg

Auch Daniel Spülbeck ist Kreuzberger Kleinunternehmer, er betreibt seit 16 Jahren ein Café mit Bäckerei. Zum Jahresende kündigen ihm die britischen Immobilienbesitzer.

Er weiß, dass er juristisch keine Chance hat. Auch seine Kündigung ist fristgerecht. Der Gewerbemietvertrag läuft einfach aus. Der 45-Jährige weiß auch: In den umliegenden Straßen gibt es keine passenden oder bezahlbaren Räumlichkeiten.

“Es war klar: Es geht hier um unsere Existenz, es geht um unsere Familie, wir haben drei Töchter, zwei davon noch klein. Und wir konnten uns nicht vorstellen zum Amt zu gehen, Hartz IV zu beantragen.”

Während im Prenzlauer Berg im Teeladen bereits Sonderverkäufe stattfinden, erwacht in Kreuzberg plötzlich ein alter Widerstandsgeist. Die Kündigungen sprechen sich wie ein Lauffeuer herum. Nachbarn, Alteingesessene und Sympathisanten der Gewerbetreibenden finden: Es reicht. In Kreuzberg sollen nicht die Kleinen verschwinden, damit die großen Ketten Einzug halten können. Der Stadtteil soll lebenswert bleiben. Wie zu alten Hausbesetzerzeiten in den 80-er Jahren werden Kiezversammlungen organisiert.

400 Kreuzberger diskutieren das Vorgehen und am Ende steht so etwas wie ein Protestplan: Druck machen rund um die bedrohten Geschäfte. Nachbarn mobilisieren, Kirchengemeinden. Flyer verteilen. Und zu einer Demonstration aufrufen. Vermieter und Nachmieter mit Postkarten, Anrufen, Facebooknachrichten nerven.

 

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