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Tschüss, Dresden!

Vor allem junge Familien wollen wegziehen. Das größte Problem sind die Wohnungen.

Die ersten Umzugskisten sind gepackt. Im April wird Stephanie Schöder Dresden verlassen. Keine leichte Entscheidung, wie sie selbst sagt. Der Elbepark ist nur einen Katzensprung von ihrer jetzigen Wohnung in Kaditz entfernt. Die Kita ihres Sohnes ist auch nicht weit weg. Und für einen Spaziergang an der Elbe muss sie nicht einmal ins Auto steigen. Doch der inzwischen dreiköpfigen Familie ist es auf den 61 Quadratmetern deutlich zu eng geworden. Eine bezahlbare Vier-Raum-Wohnung in Dresden zu finden, hat sich allerdings schon nach den ersten Annoncen als Sackgasse herausgestellt.

Vor allem junge Familien haben es schwer, etwas zu finden, was zu ihrem Einkommen passt: Rund 40 Prozent der 25 bis 44 Jahre alten Dresdner sind mit dem Angebot an bezahlbaren Wohnungen unzufrieden, wie die neue Bürgerumfrage zeigt. Kein Wunder also, dass immerhin ein Viertel aller Einwohner der Stadt mit dem Gedanken spielt, in den nächsten fünf Jahren umzuziehen. Ein Drittel von ihnen will sogar ganz weg aus Dresden. Der Wunsch nach einer größeren Wohnung, nach mehr Ruhe und Natur sind die häufigsten Gründe, die für einen Umzug ins Umland genannt werden. Für etwa jeden Fünften sind günstigere Mieten ausschlaggebend. „900 Euro aufwärts für eine Vier-Zimmer-Wohnung, das hätten wir bezahlen können“, sagt Stephanie Schöder. „Unserem Kind hätten wir dann aber nicht mehr viel bieten können.“ Sie und ihr Mann gehen Vollzeit arbeiten. Ihr neues Zuhause in Radebeul-West ist 76 Quadratmeter groß und kostet 730 Euro warm. Dass die junge Frau dafür etwas länger zur Arbeit nach Ottendorf brauchen wird, sei verschmerzbar.

Die Vermieter würden den Mangel an Wohnraum ausnutzen und die Mietpreise gezielt nach oben schrauben, sagt Peter Bartels vom Dresdner Mieterverein. Seiner Ansicht nach stünde Dresden erst am Anfang einer Erhöhungswelle. „Durch den neuen Mietspiegel wird es das ganze Jahr über noch Mieterhöhungen geben“, schätzt er. Laut Bürgerumfrage haben sich die Mietkosten bereits von 2014 auf 2016 erhöht. Im Schnitt zahlten die Dresdner 532 Euro für ihre Wohnung, zwei Jahre zuvor waren es noch 515. Fast ein Drittel des Haushaltseinkommens gehe laut Stadtverwaltung für die Miete drauf. Und der Anteil preisgünstiger Wohnungen schrumpfte auf unter vier Prozent.

Vor allem in den einfachen Wohnlagen seien die Aufschläge gewaltig, sagt Bartels. Bis zu 15 Prozent gehe der Preis dort nach oben. Bei Neuvermietungen seien die Vermieter nicht an die ortsübliche Vergleichsmiete gebunden, sondern würden das nehmen, was der Mieter bereit ist, zu bezahlen. Den Bewohnern gibt Bartels eine gewisse Mitschuld. „Sie stimmen zu, ohne zu prüfen, weil sie keinen Stress mit dem Vermieter haben wollen.“ Auch die Stadt trage dazu bei, indem sie die Mieterhöhungen bei Bedürftigen größtenteils ungeprüft zahlt. Großartige Verbesserungen bei der Wohnungsausstattung, die einen höheren Preis rechtfertigen würde, seien dem Mieterverein nicht bekannt. Außerdem werde bei diesem Kriterium geschummelt. „So wurden in Dresdner Wohnungen einbruchshemmende Türen eingebaut und damit eine Mieterhöhung begründet. Die Türen entsprachen aber nicht der im Mietspiegel vorgegebenen Norm.“

Die Miete ist das eine. Selbst wer diese aufbringen kann, bekommt die Traumwohnung nicht automatisch. Das durfte auch Stephanie Schöder erleben. „Als wir auf Annoncen geantwortet haben, war es meistens schon zu spät.“ Durch ihre alte Wohnung sind bislang etwa 30 Interessenten geschleust worden. Täglich kämen vom Makler neue Anrufe. „Jetzt haben wir gesagt: Für zwei Wochen ist erst mal Ruhe.“ In Radebeul sei es wesentlich leichter gewesen. Dort habe es nach der zweiten Besichtigung geklappt.

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