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Berlin bleibt arm – obwohl die Wirtschaft wächst

Berlins Wirtschaft legt zu. Sogar überdurchschnittlich. Aber der Anteil der Armen in der Hauptstadt steigt. Woran liegt das? Fragen und Antworten zum Thema.

 

Seit Jahren wächst die Wirtschaft in Berlin stärker als im deutschen Durchschnitt. Ähnlich gute Nachrichten gab es vom Arbeitsmarkt. Doch das alles reicht auch 28 Jahre nach dem Fall der Mauer nicht, die soziale Not in der zusammengewachsenen Stadt nennenswert zu lindern und die Einkommen der Beschäftigten auch nur annähernd mit jenen ihrer Kollegen in anderen deutschen Metropolen konkurrenzfähig zu machen. Das sind Fakten aus einer neuen Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zur Entwicklung von Kaufkraft und Armut in Deutschland.

Was haben die Forscher untersucht?

Die „Kaufkraftarmut“ in den Bundesländern sowie in den deutschen Metropolen haben sie gemessen, miteinander verglichen und „Armutsindikatoren“ herausgearbeitet. Offiziell gilt in Deutschland ein Mensch als armutsgefährdet, der über weniger als 60 Prozent des „medianen“ Einkommens verfügt. Das Medianeinkommen ist anders berechnet als das durchschnittliche Einkommen, es ist das Einkommen, das von genau jeweils der Hälfte der Einkommensbezieher unter- oder überschritten wird.

Dagegen wird das durchschnittliche Einkommen errechnet, indem die Summe aller Einkommen gebildet wird und dann durch die Zahl der Einkommensbezieher geteilt wird. Aus Sicht der Forscher führt das aber zu Verzerrungen, weil so zum Beispiel besonders hohe Einkommen den Durchschnittswert stark nach oben ziehen.

Sind viele Berliner arm?

Ja, das „verfügbare Einkommen“ in Berlin beträgt im Median 17.594 Euro, nur 166 Euro mehr als in Bremerhaven (17.428 Euro), die Region mit der deutschlandweit größten Armut. Im Vergleich der Bundesländer steht Berlin an vorletzter Stelle mit einem Anteil der Armutsgefährdeten von 20,0 Prozent. Zudem haben die Forscher die Kaufkraftentwicklung in den einzelnen Bundesländern untersucht und in die Berechnungen einbezogen. Demnach beträgt der Anteil der „Kaufkraftarmen“ in Berlin 21,3 Prozent, nur in Bremen gibt es mit 24,6 Prozent noch mehr Kaufkraftarmut. Am besten stehen die Bundesländer Bayern (12,4 Prozent) und Baden-Württemberg (12,6 Prozent) da, beides Länder mit einer wachsenden und breit aufgestellten Wirtschaft.

Bemerkenswert ist aber auch: Das Land Brandenburg steht mit einem vergleichbar geringen Anteil kaufkraftarmer Bürger (14,4 Prozent) gut da und zwar wesentlich besser als Berlin. Das verdankt der Flächenstaat einerseits seiner Nähe zu Berlin, wo viele Pendler eine Beschäftigung finden, und andererseits der vergleichsweise geringen Zahl von Migranten, die Forschern zufolge besonders oft von Armut betroffen sind.

Hat sich die Lage in Berlin wegen des überdurchschnittlichen Wachstums der Wirtschaft verbessert?

Nein, so gut wie nicht, und das zählt zu den ernüchternden Ergebnissen der Studie: Die Kaufkraft der Berliner verbesserte sich zwischen den Jahren 2006 und 2014 gerade mal um insgesamt 4,3 Prozent. Fast ebenso stark stieg der Anteil der Kaufkraftarmen in diesem Zeitraum: um 3,5 Prozentpunkte. In keinem anderen Bundesland mussten die Menschen mit einem so geringen Anstieg der Kaufkraft vorliebnehmen – sogar in Nordrhein- Westfalen verbesserte sich die Kaufkraft stärker (plus 4,8 Prozent).

Wie kommt es zu der Kaufkraftarmut?

„Die beiden Treiber der Kaufkraftarmut sind die Entwicklung des Kaufkraftniveaus und die Veränderung des Anteils der Personen, die einkommensarm sind“, schreiben die Verfasser der Studie. Einfach ausgedrückt: Weil eben in Berlin Einkommen und Kaufkraft kaum wachsen, steigt die anteilige Armut, da die Preise in der Stadt zum Teil kräftig anziehen, allen voran die Mieten. Deren Anteil am Haushaltseinkommen stieg in den vergangenen Jahren kräftig.

Der zweite Faktor, der die Einkommensarmut in Berlin steigen lässt, ist der zunehmende Anteil der Bewohner, die in Berlin wenig verdienen. Die Stadt ist im vergangenen Jahr um 60.000 Menschen gewachsen, der weitaus größte Teil der zugewanderten Menschen floh vor Krieg und Zerstörung, etwa aus Syrien, und verfügt weder über Vermögen noch über Einkommen.

Wie behauptet sich Berlin im Vergleich zu anderen Städten?

Besser als im Vergleich der Bundesländer: Die Kaufkraftarmut liegt ungefähr im Durchschnitt der kreisfreien Großstädte, die eigene Regionen bilden. Schlechter stehen Bremerhaven und Bremen, Städte aus dem Ruhrgebiet (Gelsenkirchen und Duisburg) und Köln da. Aber „Berlin hat eine für eine Metropole geringe Wirtschaftskraft – acht Prozent unter dem gesamtdeutschen Durchschnitt“, schreiben die Forscher. Daran änderte das überdurchschnittliche Wirtschaftswachstum bisher – noch – nichts. Das Bruttoinlandprodukt je Einwohner betrug im Jahr 2014 rund 31.000 Euro, das liegt ungefähr auf dem Niveau von Gelsenkirchen (30.237 Euro).

Schuld daran ist dem IW zufolge ein nur „schmaler Industriesektor“, der von Pharma und Medizintechnik sowie Unternehmen der Elektroindustrie geprägt sei. Die Wirtschaftsstruktur sei „von Dienstleistungen und Tourismus“ getragen. Die Rekorde bei den Berlin-Besuchern und den Übernachtungen in der Stadt helfen beim Aufbau von Beschäftigung und Einkommen, die neuen Jobs sind aber überwiegend mäßig entlohnt. Die Forscher loben zwar die Hauptstadt als „führenden Standort für innovative Start-ups“. Zuletzt hatte sich aber das investierte „Wagnis-Kapital“ laut landeseigener Investitionsbank Berlin halbiert, auf rund eine Milliarde Euro.

Welche Gefahren bringt Armut mit sich?

 

Weiterlesen: http://www.tagesspiegel.de/politik/raetsel-kaufkraftarmut-berlin-bleibt-arm-obwohl-die-wirtschaft-waechst/19460586.html

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