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Warum die Wiener so günstig wohnen können

Nie hat Wien seinen Bestand an Wohnungen verschleudert, darum gehören heute ein Viertel aller Wohnungen der Stadt. Das klingt gut, hat aber auch Nachteile.

 

Der Goethehof ist ein Paradies. Zumindest muss er von hohen Mieten geplagten Münchnern, Hamburgern oder Londonern so vorkommen: 400 Euro pro Monat zahlt man in dieser Wohnanlage für eine 50-Quadratmeter-Wohnung, sieben U-Bahn-Minuten vom Wiener Stadtzentrum entfernt. Grünflächen, ein Spielplatz und Badesee gleich hinter dem Haus mit inklusive.

In München, Hamburg und Berlin steigen die Mietpreise kräftig, ebenso in anderen Großstädten. Auch in Wien – und dennoch kann man hier trotz einer rasant wachsenden Bevölkerung auch heute noch eine gut gelegene Wohnung für unter zehn Euro pro Quadratmeter finden. “Wien gilt international als Beispiel für einen funktionierenden Markt für günstigen Wohnraum”, sagt der Ökonom Claus Michelsen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Und das hat die Stadt ihrer 90 Jahre alten Politik des sozialen Wohnbaus zu verdanken, die unter anderem den Goethehof hervorgebracht hat.

An einem Mittwochmorgen im Herbst strömt an der U-Bahn-Station Kaisermühlen eine Schar von Anzugmännern und Kostümfrauen zum Ausgang und nebenan die Treppen hoch. Hier beginnt die Uno-City, der Sitz der Vereinten Nationen in Wien. Wenige Meter weiter lässt die Anzugdichte nach, die Baseballkappen- und Energydrinkdosendichte steigt. Auf der linken Seite, eingerüstet und umhüllt von grünen Stoffbahnen, erstreckt sich auf 350 Metern Länge der Goethehof. Irgendwo wird gehämmert, es riecht nach frischem Beton. Der Gebäudekomplex wird derzeit grundsaniert und um 121 Dachgeschosswohnungen aufgestockt.

Durch den Innenhof nähert sich jetzt, das Handy am Ohr, ein kleiner, schmaler Mann in hellen Jeans und einer schwarzen Jacke mit Cord-Kragen, der wohl bekannteste Bewohner des Goethehofs. Peter Pilz, 62, war mal Chef der österreichischen Grünen, seit 30 Jahren sitzt er im Parlament. Seine Geschichte spiegelt die Tradition des Gemeindebaus wieder – und den größten Konflikt, der um das Wiener Modell tobt. Peter Pilz führt durch die drei großen Höfe der Anlage mit ihren fünfzig Treppenhäusern, zum Kindergarten, zum Spielplatz, zur Bücherei, zur neuen zentralen Waschküche. Dann spaziert er hinter das Gebäude, zeigt, wohin der Ausblick aus seinem eigenen Fenster geht: auf das sogenannte Kaiserwasser, einen Seitenarm der Alten Donau. Im Sommer kommen die Wiener in Scharen zum Planschen und Schwimmen. “Hier haben wir schon als Buam gespielt”, erinnert sich Pilz, “da drüben wurden immer tote Aale angeschwemmt.”

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