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Die Verdrängung nimmt stetig zu

Berlin wächst, die Mieten steigen stetig, der Wohnraum wird knapp. Die Mietpreisbremse versagt. Es ist nicht nur schwierig, eine bezahlbare Wohnung zu bekommen – wer eine hat, muss mittlerweile offenbar aufpassen, dass er sie nicht verliert. Im Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg stapeln sich seit einigen Wochen Räumungsklagen bei den Mitarbeitern. Anne Demmer hat sich angeschaut, was dahinter steckt.

 

So wie unserer 50-jährigen Protagonistin, die lieber anonym bleiben will, ergeht es immer mehr Menschen in Berlin. Mit zwei ihrer insgesamt fünf Kinder wohnt sie in einer Zweizimmerwohnung im sechsten Stock eines Plattenbaus in Lichtenrade. Im Juli flattert die Räumungsklage in ihren Briefkasten. Das nimmt sie emotional sehr mit: “Wenn ich plötzlich mit zwei Kindern auf der Straße stehe, wohin soll ich dann? In ein Obdachlosenheim?”, fragt sie sich.

Beim Bezirksamt stapeln sich solche Fälle

Was war geschehen? Die Mieterin bezieht eine kleine Witwenrente und erhält Geld vom Jobcenter. Seit dem Tod des Ehemanns vor zwei Jahren leidet die Frau an schweren Depressionen. Als sie Anfang des Jahres in eine finanzielle Notlage gerät, kann sie drei Monate lang die Miete nicht zahlen. Es entstehen Schulden in Höhe von drei Monatsmieten, insgesamt 1400 Euro. Der Mahnung folgt die Kündigung, es vergehen sechs Wochen, die Mieterin gerät in Panik und kratzt alles zusammen, um die Mietschulden aus eigener Kraft zu tilgen. Jetzt ist sie schuldenfrei und hat danach auch immer pünktlich die Miete überwiesen. Trotzdem wurde die Räumungsklage nicht zurückgenommen. Anfang des Jahres hat der Besitzer des Wohnhauses gewechselt, seit Februar ist die kommerzielle Wohnungsgesellschaft Lichtenrade Eigentümerin des Mietshauses. Die Mieterin sucht Hilfe beim Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, dort haben sich inzwischen mehr als 20 ähnliche Fälle gesammelt.

Räumungsklagen nehmen kontinuierlich zu

Rein rechtlich ist an dem Vorgehen des Vermieters, den das Bezirksamt so gut wie nie persönlich erreicht, nichts zu beanstanden, sagt ein Mitarbeiter der Behörde. Gleichwohl sei die Intention des Vermieters, der meist nur über seinen Anwalt spricht, offensichtlich: es gehe um höhere Gewinne, um höhere Mieten: “Oft wurde uns angeboten, die betroffenen Mietvertragsverhältnisse neu aufzusetzen, dann allerdings zu ortsüblichen Mieten“, berichtet der Sachbearbeiter.

Der Berliner Stadtsoziologe Andrej Holm war im Jahr 2014 an einer Studie beteiligt, die genau diesen Trend bestätigt: “Je größer die Lücke zwischen Altmieten und potentiell möglichen Neuvermietungsmieten ist, umso größer ist für die Eigentümer der Anreiz, jede kleinste Chance zu nutzen, um einen Mieterwechsel herbeizuführen“, analysiert Holm. Der Berliner Mieterverein registriert ebenfalls einen solchen Trend, die Zahl der Räumungsklagen nimmt beständig zu.

Quelle: http://www.inforadio.de/programm/schema/sendungen/nahaufnahme/201609/57330.html

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