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Die Nachverdichtung der Stadt ist planlos

Zur Bekämpfung der Wohnungsnot setzt Berlin neben großen Neubaugebieten am Stadtrand auch auf eine Nachverdichtung der bestehenden Stadt. Doch weder der Senat noch die Bezirke haben dafür einen Plan. Die nicht vorhandene Stadtplanung und die laxen Bauvorschriften lassen enge Hinterhofbebauungen zu, die nicht nur die Lebensqualität der Nachbarn einschränken, sondern auch den Bewohnern der neuen Häuser keine erquicklichen Wohnverhältnisse bieten. So entstehen allerorten wieder Hinterhofwohnanlagen wie im 19. Jahrhundert, während objektiv viel besser geeignete Verdichtungsmöglichkeiten ungenutzt bleiben.

Berlin wächst seit einigen Jahren rasant. Nach aktueller Prognose wird die Einwohnerzahl bis zum Jahr 2030 um 220.000 auf 3,8 Millionen steigen. Bleibt die Zahl der Geflüchteten anhaltend hoch, könnte Berlin sogar noch vor 2030 die Vier-Millionen-Grenze überschreiten. Der Zuwachs an Einwohnern, Arbeitsplätzen und Steuerzahlern wäre erfreulich, würde nicht der Wohnungsbau der Zuwanderung meilenweit hinterherhinken.

Um das vorausgesagte Bevölkerungswachstum zu bewältigen, will der Senat sowohl zwölf neue Stadtquartiere mit insgesamt 50.000 Wohnungen am Stadtrand bauen als auch kleinteiligere Potenziale in der Innenstadt nutzen.

„Berlin setzt darauf, die bestehende Stadt zu verdichten“, heißt es in der „BerlinStrategie 2.0“, die Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel im Juni vorstellte. „Durch Aufstockungen, Dachgeschossausbauten und Verdichtungen wird der Wohnungsbestand ergänzt. Eingeschossige Super- oder Fachmärkte oder überdimensionierte Verkehrsflächen werden intensiver genutzt.“ Dabei sollen „neue urbane Qualitäten und Identitäten“ entstehen und gleichzeitig „qualitätsvolle Freiräume“ erhalten oder geschaffen werden, so die „BerlinStrategie 2.0“.

Lückenschluss in der Colbestraße
… Vorbildlicher Lückenschluss in der Colbestraße
Foto: Nils Richter

Beispielgebend für die Nachverdichtung sollen die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften sein. „Wir haben gemeinsam beschlossen, dass wir Lücken schließen und Grundstücke, die wir haben, nutzen, um in allen Teilen der Stadt bezahlbaren Wohnraum zu schaffen“, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller am 25. Juni, dem „Tag der Neubauten“. An diesem Tag öffnete jede der sechs städtischen Wohnungsunternehmen eine ihrer Baustellen, um den Berlinern einen Eindruck von ihrem Bauprogramm zu geben.

Neben größeren Vorhaben wie am Bruno-Bürgel-Weg in Niederschöneweide oder in der Uferstraße in Gesundbrunnen waren auch zwei innerstädtische Lückenschlüsse zu besichtigen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die WBM baut in der Friedrichshainer Colbestraße 5/7 an der Straßenfront ein siebengeschossiges Haus mit 69 Wohnungen. Ein altes Werkstattgebäude im Hof bleibt bestehen und wird zu einer Atelierwohnung hergerichtet. Ansonsten bleibt der große Innenhof frei, damit hier Mietergärten entstehen können. In den umliegenden Häusern wird keine Wohnung verschattet oder auf andere Weise beeinträchtigt.

Kontrastprogramm in der Gubitzstraße 50 in Prenzlauer Berg: Hier schließt die Gewobag die Blockkante an der Ecke zur Grellstraße und schafft einen wahrhaft düsteren Hinterhof nach berüchtigtem Alt-Berliner Vorbild. Der siebengeschossige Neubau mit 51 Wohnungen schließt sich an einen Zeilenbau aus den 1960er Jahren an und füllt nicht nur die zuvor offene Ecke aus – im Innenhof wird auch noch ein Seitenflügel hochgezogen. Die Seitenflügel-Wohnungen sind einseitig nur nach Norden ausgerichtet, sprich: Sie bekommen nie Sonne. Der Neubau nimmt auch den Mietern aus dem bestehenden Zeilenbau Licht und Luft. Das bisher an drei Seiten freie Gebäude ist nun völlig eingebaut. Die Fenster an der Giebelseite sind zugemauert und auf der Südseite bekommen die Mieter nur noch für wenige Stunden die Sonne zu sehen, in den unteren Wohnungen im Winter gar nicht mehr.

 

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