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Berlin bleibt bezahlbar? Dass ich nicht lache

Im Berliner Wahlkampf sind auch wieder die Mieten in der Großstadt ein Thema. Wer kann sich eine Wohnung in zentralen Bezirken noch leisten? Und wer nicht?

Wunschdenken im Wahlkampf

In Berlin wird im September ein neuer Senat gewählt, überall im Stadtbild lachen nun Politikerinnen und Politiker von den Plakaten aber auch Models, die für die Botschaften der einzelnen Parteien werben sollen: freundliche Omis, lachende Kinder, hart arbeitende Männer. Wahlkampf eben. In den sozialen Netzwerken las man viel Lob für ein Plakat des aktuellen Regierungschefs von Berlin, Michael Müller, auf dem eine Frau mit Kopftuch zu sehen ist, wie sie die U-Bahn-Rolltreppe hinabfährt, Müller fährt ihr entgegen. „Ist das schon mutig?“ fragte ich mich. Die muslimische Frau wird von hinten abgebildet, ihr Gesicht ist nicht sichtbar, ich fand, sie bleibt irgendwie unsichtbar. Da fand ich das Cover des Eltern-Magazins, das eine Frau mit Kopftuch und ihr Kleinkind zeigte, doch wesentlich mutiger.

Aber es gibt ein anderes Wahlplakat, das mich wirklich aufregt, auch das ist von der SPD. Dort steht: „Berlin bleibt bezahlbar.“ Gemeint sind damit die Mieten. Wer aktuell aber auf Wohnungssuche ist, kann da nur mit den Augen rollen, denn es stimmt schlicht nicht. Auf einem Wahlplakat findet sich der genervte Schriftzug: „Ja wo denn? In Hellersdorf vielleicht.“ Auf der Website der SPD Berlin heißt es:

„Eine Durchschnittswohnung mit 60qm kostet in Berlin nettokalt 350,40 Euro.“

Als ich diesen Satz twittere, kommentiert ein anderer Nutzer dazu: „Diese Webseite wurde zuletzt geändert am 1.4.1976“. Eine andere Nutzerin schreibt: „Bitte was?! Ich wollte gerade erst sehr laut lachen, aber das ist nicht mal lustig.“ Nein, es ist nicht lustig. Mit dieser Zahl Wahlkampf zu machen, ist irgendwo zwischen dreist und dumm. Es wirkt in jedem Falle nicht so, als würde die SPD die Belastungen, die durch hohe Mieten und geringen Wohnraum längst da sind, wirklich ernst nehmen.

Sucht man mit diesen Werten zum Beispiel über Immobilienscout24, finden sich tatsächlich nur Wohnungen in Hellersdorf und Marzahn, zwei Randbezirke im Osten von Berlin, in denen das Stadtbild vor allem von Plattenbauten geprägt wird.  Wer näher in Zentrum wohnen will, muss deutlich mehr Geld veranschlagen. Schon jetzt geben Menschen in Berlin im Schnitt über 40 Prozent ihres Einkommens für Miete aus. Ich finde: Das ist zuviel.

Wie die Mieten steigen

Nach aktuellen Erhebungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) sind die Mieten in Berlin seit 2010 um 26 Prozent gestiegen, im Schnitt stiegen die Mieten deutschlandweit jedoch nur um 10,2 Prozent. Die Menschen in Hamburg, die, wenn sie nach Berlin umziehen, sich über niedrigere Mieten freuen, haben in der gleichen Zeit nur eine durchschnittliche Mietsteigerung von 12 Prozent in Kauf nehmen müssen. Die Preissteigerung in Berlin ist also vergleichsweise drastisch. Auch die Mietpreisbremse, die sich die SPD auf die Fahnen schreibt und als Mieterschutz wirken soll, hat eben diese Wirkung bislang nicht entfaltet, denn, so teilt das IW mit, habe „sie sogar teilweise das Gegenteil bewirkt und den Preisanstieg in den betroffenen Städten kurzfristig eher noch beschleunigt hat, weil insbesondere kurz vor der Einführung der Mietpreisbremse die Mieten gezielt erhöht wurden“.

Andrej Holm, Stadtsoziologe und Experte für Gentrifizierung erläuterte zudem in einem Interview mit dem Deutschlandradiokultur: „Die Mietpreisbremse zielt knapp am eigentlichen Ziel vorbei. Sie garantiert ja einerseits nur Mieten knapp über dem Durchschnitt. Das heißt, sie nützt letztendlich auch nur den Haushalten mit Einkommen knapp über dem Durchschnitt.“

Zudem muss man wissen: Die 26 Prozent bilden den Schnitt der Mietsteigerungen in Berlin an. In den zentralen Bezirken sind die Kaltmieten noch stärker gestiegen. Das Angebot in den einschlägigen Onlineportalen ist ohnehin schon dünn und die Besichtigungstermine sind überlaufen. Wer in den zentralen Bezirken wie Mitte, Kreuzberg, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Neukölln eine unspektakuläre Zwei- bis Drei-Zimmer-Wohnung sucht, zum Beispiel als Paar, Familie mit einem Kind oder auch als alleinerziehendes Elternteil, sollte mindestens 1.000 Euro Warmmiete aufbringen können, um eine Chance zu haben. Für eine geräumige Drei-Zimmer-Wohnung sollte man mindestens 1.300 Euro einrechnen, besser mehr.

Doppeltes Einkommen oder Platzangst

 

Weiterlesen  https://editionf.com/berlin-mieten-bezahlbar-wahlkampf

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