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Wutanfall wegen Wuchermieten

Immer mehr Mieter werden ausgequetscht. Einfach nur, weil es geht. Ich wünsche allen, die da mitmachen, Mundgeruch und Blähungen.

 

Wenn ich mich mit Immobilien beschäftige, bekomme ich Wutanfälle. Das liegt daran, dass ich derzeit eine Mietwohnung in Berlin suche. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass man mich ausquetschen möchte. Einfach so, weil es geht. Der Immobilienmarkt in Großstädten ist nur noch für Investoren da, die sich eine goldene Penisverlängerung verdienen wollen. Im Namen des freien Marktes.

Merkt irgendjemand, was sich da für ein Frust aufbaut? 35 Millionen Deutsche wohnen zur Miete und müssen sich das zynische Gequatsche von Boommärkten, besten Investitionschancen und renditestarken Objekten in bester Wohnlage anhören, während sie einen immer größeren Teil ihres stagnierenden Einkommens für eine schlichte Wohnung hinblättern müssen.

Mir bleibt nichts weiter, als die verbale Mistgabel zu schwingen. Momentan ist das menschliche Grundbedürfnis nach einem netten Zuhause eine riesige Umverteilungsmaschine von unten nach oben. Wer Kohle hat, freut sich an seiner Traummarge. Dass man dazu Geringverdienern immer mehr Geld aus der Tasche ziehen muss, ist egal – der Markt gibt es her und der kennt keine Moral, nur Mechanismen.

Falls Sie das lesen und sich gerade überlegen, in Berlin eine Wohnung zu kaufen, als Geldanlage, sichere Renditen dank steigender Mieten: Für Sie schmeißt jemand die alten Bewohner raus. Für Ihre Rendite werden Menschen an den Stadtrand gedrängt. Und hören Sie auf, von Niedrigzinsen zu reden.

Eigentum verpflichtet nicht, UNS ihre goldenen Löffel zu zahlen, sondern SIE als ohnehin wohlsituiertes Privilegienrind nicht die ganze Weide allein leerzufressen. Falls Sie mit mehr als drei Prozent Rendite kalkulieren, bereichern Sie sich auf Kosten anderer. Ich wünsche Ihnen chronischen Mundgeruch und unheilbare Blähungen.

Kürzlich hab ich mir in Steglitz eine Wohnung angeschaut. Es war ein ziemliches Loch. Uralte, nach Tod und Verderben riechende Böden, ein in uringelb gehaltenes Bad, Fenster aus der Nazizeit, die den Blick in einen grauen, bunkerartigen Innenhof freigaben. Auf der Straße roch es nach Bohnerwachs, das Kiezleben bestand aus einem Teich, in dem sich demente Enten das Gefiedern rupften.

Entgegenkommen? Äh, nein.

Für die Bude wollte „die Verwaltung“, wie der Makler vermutlich sich selbst bezeichnete, über 1000 Euro warm im Monat. Aber das war nicht alles. Wer das Loch mieten wollte, musste auch noch selbst renovieren und bekam, welch Gnadengeschenk, zwei Kaltmieten frei. Also grob 1500 Euro. Ich argumentierte, dass es mit Arbeitszeit rund 10.000 Euro kosten würde, die Wohnung bewohnbar zu machen. Wie wäre es mit einem Entgegenkommen?

Das stehe nicht zur Disposition, sagte der Makler. Das seien die Bedingungen. Entweder wir akzeptieren oder wir sind raus aus dem Rennen. Übersetzt hat der Typ gesagt: Wir pressen das maximal aus Ihnen raus. Wem die Ehre zuteil wird, uns künftig Miete überweisen zu dürfen, dem obliegt auch das Privileg, unsere Immobilie vorher zu renovieren. Bitte knien Sie nieder. Wir machen das, weil wir es können. Wir finden immer eine verzweifelte Familie oder ein betuchtes Pärchen.

Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut und die Privatbank Berenberg haben kürzlich ausgerechnet, dass die Mieten in Berlin in guten Wohnlagen von 2004 bis 2014 um 67 Prozent gestiegen sind. In anderen Städten sieht es kaum anders aus, außer in Duisburg. Da ist es sicher auch schön.

Schmierig, geschmiert

 

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