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So wurde Wien zur Traumstadt aller Mieter

Wien ist eine der am schnellsten wachsenden Metropolen Europas. Dennoch schafft es die Stadt, genug bezahlbare und schöne Wohnungen zu bauen. Die Wünsche der Mieter sind dem Wohnbaurat sehr wichtig.

Die Sektgläser klirren. Im Foyer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft “Wiener Wohnen” stößt man auf den Siegerentwurf des Architektenwettbewerbs für 120 geförderte Wohnungen im Südosten der Stadt an. Nachdem Herbert Pohl von NMBP Architekten seinen Siegerentwurf vorgestellt hat, ein elegantes Gebäude-Ensemble mit viel Grün und großzügigen Innenhöfen, will Wohnstadtrat Michael Ludwig wissen, welches Kriterium den Architekten bei ihrer Arbeit am wichtigsten war. “Die Wirtschaftlichkeit”, sagt Pohl. Eine erstaunliche Antwort. So etwas bekommt man bei Architekturwettbewerben in Deutschland so gut wie nie zu hören.

Doch in Wien ist alles anders. Die österreichische Hauptstadt ist so etwas wie die Welthauptstadt des sozialen Wohnungsbaus – ein Paradies für die 79 Prozent der Bewohner, die hier zur Miete wohnen. Sie müssen im Schnitt für eine Wohnung, privat oder staatlich finanziert, nicht mehr als einen Quadratmeterpreis von 7,50 Euro zahlen – ein für die meisten deutschen Großstädter unvorstellbar niedriger Preis.

Möglich ist das, weil sowohl der Wohnungsbestand als auch der Baugrund seit fast hundert Jahren zum größten Teil in städtischem Besitz ist. Während deutsche Städte aus Geldnot Grundstücke verkaufen oder keine eigenen Wohnungen errichten können, wurde in Wien der Preisspekulation sprichwörtlich der Boden entzogen. Der Anteil der geförderten Wohnungen liegt hier bei 62 Prozent – so hoch wie in keiner anderen Stadt der Welt.

Die städtische Bauherrin, die “Wiener Wohnen”, kann bei der Vergabe auf vermarktungsfördernden Pomp verzichten. Sie benötigt keine architektonische Exzentrik. Denn vom Wiener Konstrukteur werden Tugenden verlangt, die auch hierzulande eingefordert wurden, als der Architekt noch Baumeister sein durfte: Der vorgegebene Kostenrahmen darf nicht gesprengt werden, das Gebäude muss pünktlich den Nutzern übergeben werden und, das ist der wichtigste Punkt: Die architektonische Qualität muss sich zuallererst an den Bedürfnissen der Mieter orientieren.

Für die Amerikaner “echte Kommunisten”

Deren Wünsche sind Wohnbaurat Michael Ludwig besonders wichtig. Das wird er an diesem Abend nicht müde zu betonen. Zum Beweis hat er mit diesem Wettbewerb für die Fontanastraße ein schon eingemottetes Turbo-Instrument zur Mietsenkung aus der Versenkung geholt: den Gemeindebau. Dabei tritt die Stadt als Eigentümerin, Bauherrin und Vermieterin auf den Plan. “Für die Amerikaner sind wir echte Kommunisten”, amüsiert sich Ludwig, der kürzlich das Wiener Modell in New York vor staunenden Stadtplanern und Immobilieninvestoren präsentieren durfte. Der SPÖ-Politiker versteht allerdings die Titulierung nicht als Beleidigung. Er sieht sich in einer guten Tradition. Seit den 1920er-Jahren, als der Gemeindebau noch durch eine Wohnbausteuer finanziert wurde, gelten die von der ersten sozialistischen Regierung Wiens initiierten “Volkspaläste” als baukulturell und sozial herausragend.

Für architekturinteressierte Touristen und Stadtplaner aus aller Welt ist der monumentale, festungsähnliche zwischen 1927 und 1930 gebaute Karl-Marx-Hof im 19. Bezirk eine Art Prototyp für heutigen Wiener Gemeindebau. In deutschen Sozialbauten häufige Begleiterscheinungen wie Graffiti, abgeschlagene Türpfosten und Müll gibt es im “Versailles der Arbeiter” nicht. Rund 1270 Mieter wohnen heute in dem von Karl Ehn geplanten längsten Wohnhaus der Welt, inmitten einer wunderschönen gepflegten Parkanlage. Herrschaftliche Türme, Fahnenmasten, Torbögen und markante Balkone zeichnen das Gebäude aus. Diese offenbar gut verwaltete und friedliche Stadt in der Stadt mit ihren Gemeinschaftsräumen, Loggien, Stiegen und Höfen, die der sozialen Isolation entgegenwirken sollen, ist nun Vorbild für die Neuauflage dieses Wohnungstyps.

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