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So sehen die neuen Billig-Wohnungen aus

Unter 2000 Euro pro Quadratmeter ist in Deutschland praktisch kein Neubau zu haben. Architekten in Den Haag zeigen nun, dass es auch für 1100 Euro geht – mit einem erstaunlichen Ergebnis.

Die Abendsonne spiegelt sich in der lang gestreckten Fassade des “Blocks 10” am Erasmusweg in Den Haag. Durch den Laubengang im Erdgeschoss toben ein paar Kinder, die Sekunden später durch die Tür nach draußen stürmen. Nichts sieht hier nach einem Ghetto aus, obwohl es sich bei dem Wohnblock um einen sozialen Wohnungsbau am Stadtrand handelt. Die Bewohner sind zufrieden, es gibt kaum Probleme, berichtet der städtische Vermieter Vestia.

Dem Architekten Kempe Thill scheint im Den Haager Stadtteil Moerwijk etwas gelungen zu sein, worüber in Deutschland noch viele rätseln: ein kostengünstiger Bau in einem Ballungsgebiet, in dem sich die Menschen wohlfühlen.

Thill entwarf einen Riegel mit eingeschossigen 95-Quadratmeter-Wohnungen hinter einer modernen Aluminium-Glasfassade. Um die Struktur aufzulockern und auch unterschiedliche Mieter anzuziehen, kamen einige dreigeschossige Maisonettewohnungen hinzu, mit offener Küche, Wohnbereich und drei Schlafzimmern. Alles beruht auf der Grundlage eines einheitlichen Wohnmoduls von 7,20 Meter Breite.

Gleicher Standard senkt die Kosten

Besonders interessant erscheinen die technischen Eckdaten. Alle 88 Apartments haben Fußbodenheizung und werden mit Wärmerückgewinnung be- und entlüftet. Das Gebäude entspricht dem Niedrigenergiestandard. Es wird mit Geothermie beheizt und hat einen Wärmespeicher im Boden. Man hat also stärker auf die Energieerzeugung und -Speicherung gesetzt und weniger auf eine dicke Dämmschicht, auch wenn damit nicht so strenge Energie-Werte erreicht werden, wie sie aktuell in Deutschland gelten.

Da alles dem gleichen Standard entspricht – selbst die Position der Waschbecken ist in jeder Wohnung gleich –, konnten die Baukosten auf einen beeindruckenden Wert gesenkt werden: 1100 Euro pro Quadratmeter wurden ausgegeben.

Ähnliche Beispiele in Frankreich und Belgien zeigen: Günstiger Wohnungsbau nach modernen Standards ist möglich.

Immer neue Vorschriften

In Deutschland dagegen tut man sich schwer damit. Die Stadtplaner versuchen, mehrgeschossige Gebäude am Stadtrand zu vermeiden. Käufer möchten nicht auf individuelle Schnitte und Formen verzichten, Bauträger nicht auf eine gewisse Gewinnspanne. Bauministerin Barbara Hendricks appellierte erst vergangene Woche wieder gegenüber der Bauindustrie, auch mal für 1500 Euro pro Quadratmeter zu bauen. Doch die Branche hat man schon Schwierigkeiten damit, die Kosten selbst unter 2000 Euro zu senken.

Seit sechzig Jahren werden immer neue Forderungen und Vorschriften an die Gebäude herangetragen. Allein die neueste Version der Energieeinsparverordnung hat die Baukosten um vier bis acht Prozent in die Höhe getrieben. Kältebrücken an der Fassade sollen vermieden werden und Dampfdiffusion soll trotzdem möglich sein.

Auf die Zweifachverglasung folgte die dreifache, dazu kommen Lärmschutz und Feuerschutz. Lüftung, Fahrstühle und Klimaanlagen werden installiert. Die Baukosten stiegen entsprechend: Zwischen 1958 und 2010 wurde der Wohnungsbau um 573 Prozent teurer, während die allgemeinen Lebenshaltungskosten um 289 Prozent stiegen.

“Die Standards immer weiter nach oben zu setzen macht das Bauen teuer”, sagt der Berliner Architekt Arno Brandlhuber und fordert deshalb: “Reden wir über Standards” – für schlichtere, preiswertere und günstigere Wohngebäude, die, wie in Den Haag, trotzdem gute energetische Eigenschaften erreichen. Insbesondere aus der SPD aber, so hat Brandlhuber beobachtet, gibt es Widerstände gegen die Absenkung der gesetzlichen Vorschriften: “Da heißt es: Endlich haben wir es geschafft, hohe Standards für alle zu schaffen, das wollen wir nicht über Bord werfen und Einfachstwohnungen für ein neues Proletariat errichten.”

Höherer Konsum verhindert Einsparungen

Aber könnten Lowtech-Wohnungen wirklich die Lösung sein für einen angespannten Wohnungsmarkt? “Wir sind doch alle in Altbauten oder Siedlungsbauten der fünfziger und sechziger Jahre aufgewachsen”, sagt dazu der Berliner Architekt, “das geht, und es hat uns nicht geschadet.”

Und die Energieverschwendung durch die dünnwandigen Behausungen? “Sämtliche Einsparungen aus den Energieeinsparverordnungen”, weiß Brandlhubers Architektenkollege Joachim Schultz-Granberg, “werden dadurch aufgefressen, dass die Menschen heute mehr Raum beanspruchen als noch vor Jahrzehnten.”

Wohnte ein Deutscher 1972 durchschnittlich auf weniger als 30 Quadratmetern, sind es heute 45 Quadratmeter, und die Fläche steigt weiter an, jedenfalls im breiten Durchschnitt. “Das Leben in den neuen Wohnungen ist dadurch nicht effizienter als in denen der 50er-Jahre”, rechnet Joachim Schultz-Granberg vor. Rebound-Effekt nennen Experten diese Entwicklung, die nicht nur im Wohnungsbereich für Kopfzerbrechen sorgt: Alle energetischen Einsparungen werden durch mehr Konsum ad absurdum geführt.

 

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