big-berlin.land

Die Hauptstadt hat einen Anfall von Marzahn-Wahn

Wo die Lerchen singen und die Mieten steigen: Unbekümmert um Wohnwünsche und Städtebauregeln setzt Berlin auf die Trabantenstadt. Aber billiger wird das Wohnen in der Hauptstadt dadurch nicht.

 

Fotos zeigen eine Landschaft so unschuldig und unberührt wie ein Biosphärenreservat. Wogende Kornfelder, darüber der blaue Himmel mit großen Wolkenschiffen, am Horizont Hecken, Bäume, Knicks. Man meint, die Lerchen über den goldenen Ähren steigen zu sehen, ihr Tirilieren zu hören, das die weiten, offenen Räume erfüllt. Es sind die Bilder von Freiheit, Natur und Grün, die für Stadtmenschen ein Jenseits beschreiben, das wie eine Fata Morgana hinter den Horizonten liegt.

Aber es geht um einen konkreten Ort. Denn genau hier sollen Baumaschinen anrücken. Auf der 70 Hektar großen Elisabethaue am Stadtrand hinter Pankow will der Berliner Senat die große Schlacht gegen die Wohnungsnot eröffnen. Geplant ist das, was auf Dutzenden Stadtforen, Versammlungen, Konferenzen bei Bürgern und Fachwelt immer wieder durchgefallen ist: die “Draußenstadt” – also eine neue Trabantenstadt mit 5000 Wohnungen für 12.000 Bewohner.

Zehn Jahre kämpfen der frühere Bausenator und jetzige Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, und seine von Podium zu Podium hüpfende Senatsbaudirektorin Regula Lüscher schon um dieses Lieblingsprojekt, das sie sogar zum Thema einer Internationalen Bauausstellung machen wollten. Immer wieder ernteten sie in Berlin dafür so massive Kritik, dass sie das ehrgeizige Vorhaben wieder und wieder kleinlaut beerdigen mussten. Jetzt soll es unter Verweis auf Flüchtlingsdruck und Wohnungsnot dennoch durchgedrückt werden.

Berliner Tempo: geplante Fertigstellung 2025

In Zahlen klingt das “Pilotprojekt” gigantisch. Eine Milliarde Euro Kosten (“Berliner Zeitung”), viele Kilometer Straßen, eine neue Straßenbahn- und eine neue Buslinie, mehrere Kitas und auch eine Grundschule – das alles gehört zum “Paket”. Baustart 2019, Fertigstellung 2025. Der “Berliner Zeitung” entlockt das einen Jubelruf: “Senat drückt in der Elisabethaue aufs Tempo“. Und “Tempo” – das bedeutet in Deutschlands Hauptstadt heute neun Jahre.

Man erinnere sich an die großen Siedlungsprojekte der 20er-Jahre, bei denen in Berlin und Frankfurt/Main Komplexe von der Größe von Mittelstädten aus dem Boden gestampft wurden. Ernst May brauchte in der Mainmetropole damals fünf Jahre, um 15.000 Wohnungen für 50.000 Bewohner zu realisieren, verteilt auf 20 Standorte; Martin Wagner in Berlin acht Jahre für 8000 Wohneinheiten, verteilt auf Britz (3400), Waldsiedlung Zehlendorf (1800), Siemensstadt (1400) und Weiße Stadt (1300).

Gegenüber gerade den Berliner Vorbildern (die heute zum Unesco-Welterbe zählen) ist die neue Trabantenstadt Elisabethaue im Positiven wie im Negativen rekordverdächtig. Abgesehen von der Bauzeit betrifft das die Kosten: eine Milliarde Euro für ein Einzelprojekt gegenüber damals 100 Millionen Reichsmark der Weimarer Republik für sämtliche Berliner Siedlungen zusammen. Und es betrifft die Größenordnung: Kein einziger dieser Siedlungskomplexe aus Weimarer Zeit erreichte den Umfang des neuesten Berliner Projekts (was ahnen lässt, um welches Volumen es hier geht).

Bauprojekte der Nachkriegszeit waren viel größer

Natürlich reicht die neue “Draußenstadt” mit diesen Dimensionen noch längst nicht an die Berliner Großwohnsiedlungen der Nachkriegszeit heran. Das Märkische Viertel (16.000 Wohneinheiten), die Gropiusstadt (17.000), Fennpfuhl (15.500), die Landsberger Chaussee (15.500), Marzahn (62.000), Hohenschönhausen (40.000) und Hellersdorf (34.000) sind größer. Aber Elisabethaue teilt unweigerlich deren Nachteile: Außenlage, Massenwohnungsbau, Gettocharakter.

Weiterlesen  http://www.welt.de/kultur/kunst-und-architektur/article157183622/Die-Hauptstadt-hat-einen-Anfall-von-Marzahn-Wahn.html

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.