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Ist Denkmalschutz nicht mehr der Rede wert?

Der WOGA-Komplex

Vor gut einhundert Jahren hat der Architekt Erich Mendelsohn am Kurfürstendamm ein ziemlich einzigartiges Wohnensemble geschaffen. Durch Bebauung soll es jetzt verdichtet werden – und damit vielleicht vernichtet.

Die Bewohner der Cicerostraße 55 sind wütend. Seit Jahren, genauer seit 2007, verwahrlost ein Teil der denkmalgeschützten Anlage und seit Monaten geistern Pläne durch die Öffentlichkeit, die eine Bebauung dieser Anlage vorsehen. Verdichtung nennt man das bei den Stadtplanern. Vernichtung eines Denkmals könnte die Folge sein.

Nur Tennisplätze?

In den Zwanzigerjahren hat der Architekt Erich Mendelsohn den WOGA-Komplex (Wohnungs-Grundstücks-Verwertungs-Aktiengesellschaft“) als Stadt in der Stadt gebaut. Mit Einkaufspassage, Kulturnutzung, gut geschnittenen Wohnungen und Tennisplätzen für jedermann.

Im ehemaligen Universum-Kino ist heute die Schaubühne zuhause. Wo noch in den Achtzigerjahren der “Athener Grill” und das “Tolstefanz” zu Speis und Tanz luden, ist heute eher Glücksspiel angesagt. Der Tennisplatz, auf dem einst Didi Hallervorden, Willy Brandt, Erich Kästner oder Vladimir Nabokov spielten, ist verwahrlost. Einzig die Wohnungen sind nach wie vor in passablem Zustand und wurden denkmalgerecht saniert.

Was also liegt näher als den Platz in der Mitte des Areals zu bebauen, wo doch Berlin Wohnraum braucht? So dachten sich das wohl die Investoren und verhandelten seit langem schon mit dem Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf und dem Landesdenkmalamt. Denn der Denkmalschutz müsste für einen Teil des WOGA-Komplexes aufgehoben werden – und zwar für die Tennisplätze.

Unterschiedliche Argumente

Etwa 70 Wohneinheiten als Kreuzhäuser sollen dort entstehen. WOGA-Baumeister Erich Mendelsohn hatte die Kreuzhäuser so geplant – wenn auch bedeutend kleiner. Und wohl weniger aus Überzeugung sondern schlicht aus finanzieller Not, denn sein Auftraggeber – der Verleger Rudolf Mosse – war nach der Wirtschaftskrise 1929 in arger Bedrängnis. Und: Gebaut wurden die Kreuzhäuser damals auch nicht.

Eine Stellungnahme internationaler ExpertInnen (sie liegen dem rbb vor) weist dann auch darauf hin, dass die Bebauung des Areals den eigentlichen Überzeugungen von Erich Mendelsohn nicht entsprach. Gleichwohl ging der Bezirk davon aus, dass man diese Planung ganz im Sinne Mendelsohns fortsetze. Aber das ist ein Irrtum, versichern die Expertinnen. Die Fachleute fürchten, das Gelände könnte durch die geplante Baumaßnahme als einzigartiges Kulturdenkmal vernichtet werden.

Kein Wettbewerb

Besonders kurios ist, dass sich der Bezirk zu einem nicht öffentlichen  und “konkurrierenden Gutachter-Verfahren” entschlossen hat. Kein öffentlicher Architekten-Wettbewerb also, sondern ein zwar zulässiges, aber dennoch gerade in einem solchen Fall eher merkwürdiges Verfahren.

Mit am Tisch saßen über den Plänen für die Neugestaltung neben Eigentümer und Bezirksamt das Landesdenkmalamt – angeblich, um ein “gegebenes Baurecht möglichst denkmalgerecht umzusetzen” (Antwort auf Anfrage der fraktionslosen Bezirksverordneten Nadia Rouhani) Kommunalpolitiker und Öffentlichkeit wurden erst später eingeweiht.

Der Investor verlange “vertrauliche Gespräche”, erklärte der zuständige Baustadtrat Marc Schulte. Das heißt also in diesem Fall: Ein mit Ordnungsaufgaben betrautes Gremium wie das Landesdenkmalamt berät und beschließt gemeinsam mit dem Investor und dem Bezirksamt geheim über die Bebauung eines von ihm selbst unter Denkmalschutz gestellten Bereiches.

Der zuständige Senator muss abwägen: Wohnungsbau oder Denkmalschutz? Wenn er zugunsten des Wohnungsbaus entscheidet, kann gebaut werden – und die Freifläche wird dann einfach später aus der Denkmalliste und der Denkmalkarte gelöscht.

So einfach geht das mit dem Denkmalschutz. Nur: Verkommt da nicht der Grundgedanke? Oder anders gefragt: Geht Denkmalschutz nur, wenn keiner, vor allem kein Investor dagegen spricht? Eigentlich war die Idee mal eine andere.

Und noch etwas: Die ExpertInnen haben herausgefunden, dass sich an dem “konkurrierenden Gutachter-Verfahren” auch ein Büro beteiligt hat (das Büro des Architekten Volker Staab), dessen Chef im Landesdenkmalrat sitzt. Das heißt im Klartext: Ein Berater des Kontrollgremiums ist Teil des Verfahrens. Ein ziemlich absehbarer Interessenkonflikt.

Weiterlesen  http://www.kulturradio.de/themen/architektur/der-woga-komplex.html

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