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Mieter protestieren gegen die Modernisierungspraxis der Gewobag

Vor den Häusern der Knaackstraße 60-68  sieht es am Sonnabend aus, als gebe es dort was Tolles zu feiern: Auf Tischen liegen geschmierte Brötchen und Schmalzstullen, aus Lautsprechern, die in den Parterrewohnungen stehen, kommt laute Musik. Einige Bewohner ziehen als Polonaise über den Gehweg, sie singen den Rauchhaus-Song von Ton, Steine, Scherben. Rio Reisers Text haben sie umgedichtet.

Diesmal sind die Feinde der Hausbesetzer keine Kreuzberger Spekulanten – in der Knaackstraße richtet sich der Ärger der Mieter gegen die kommunale Wohnungsbaugesellschaft Gewobag. Es ist kein Straßenfest in Prenzlauer Berg, sondern ein munteres Protestfrühstück mit Transparenten und Plakaten, die sich gegen das landeseigene Wohnungsunternehmen richten: „Gewobag – Sozial sieht anders aus“, steht da. Und: „Wir lassen uns nicht verdämmen!“

Miete verdoppelt sich

Im Januar 2016 hat das kommunale Unternehmen den Bewohnern mitgeteilt, ihre Häuser würden umfassend modernisiert. Die Fassade werde gedämmt, eine Zentralheizung eingebaut, Badezimmer und Sanitärstränge erneuert. Als Hildegard Pohlmann das mehrseitige Schreiben zu Ende gelesen hatte, sei sie schockiert gewesen, erzählt die Seniorin. Bisher zahlt sie für ihre 51 Quadratmeter große Zwei-Raum-Wohnung 340 Euro, nach der Modernisierung könnten es etwa 250 Euro mehr sein, kündigt die Gewobag an.

Allein für die Dämmung der Fassade soll Hildegard Pohlmann jeden Monat 100 Euro mehr zahlen. Sie sagt, die Hälfte ihrer Rente müsse sie  künftig für die Miete aufbringen. Alle Mieter seien entsetzt gewesen. „Und viele denken, es wird noch teurer, das wäre ja typisch für Berlin.“

Die Bewohner sind verunsichert, sie haben Existenzangst, die ersten ziehen aus. Manche wissen nicht, welche Ausnahmeregelungen es für Mieter mit geringem Einkommen gibt. Und sie sind wütend, weil ausgerechnet eine kommunale Wohnungsbaugesellschaft solche Mieterhöhungen plant. „Die Mieten steigen in eine Höhe, die viele Bewohner nicht mehr bezahlen können“, sagt Anwohnerin Elke Coners.

Der Wohnkomplex an der Knaackstraße wurde Ende der 50er-Jahre gebaut, manche Mieter wohnen seit fünf Jahrzehnten in Wohnungen, die zum Teil noch Ofen- oder Gasetagenheizungen und Badeöfen haben. Heute leben in den Häusern auch Künstler, Studenten, Musiker, Professoren, Alleinerziehende und junge Familien. Die Mieten sind nicht hoch, fünf bis sechs Euro den Quadratmeter, es sind die letzten preiswerten Wohnungen im sonst so teuren Kollwitzkiez. Bewohner sagen, sie hätten gar nichts dagegen, ein modernes Badezimmer eingebaut zu bekommen. Aber warum, fragen sie, muss denn die Fassade für eine Million Euro gedämmt werden, wenn am Ende diese hohen Kosten auf die Mieter umgelegt würden?

Die Bewohner wehren sich, sie organisieren den Protest, erarbeiten einen Forderungskatalog, informieren die Bezirkspolitiker. Im März fordern SPD,  Grüne und Linke im Pankower Bezirksparlament die Gewobag auf, die Modernisierungsankündigung „unverzüglich zurückzunehmen“. Es dürfe keine „teure und unsoziale Sanierung“ im Milieuschutzgebiet Kollwitzplatz geben. „Das robuste Vorgehen der Gewobag entspricht nicht dem, was man von einer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft beim Umgang mit ihren Mieterinnen und Mietern generell erwarten darf“, schreiben sie. Auf ihrer nächsten Sitzung am Mittwoch wird es wieder um die Knaackstraße gehen.

Die Gewobag hat ihre Modernisierungsankündigung nicht zurückgezogen, sie hält am Bauvorhaben fest. Eine Sprecherin sagt, die Gewobag plane eine energetische Sanierung zu sozialverträglichen Bedingungen, wie sie  das „Berliner Mietenbündnis“ festlege. Weil es in den Gesprächen mit den Mietern vor allem um die Dämmung der Hausfassade gegangen sei, werde nun geprüft, darauf zu verzichten.

Quelle :  http://www.berliner-zeitung.de/berlin/prenzlauer-berg-mieter-protestieren-gegen-die-modernisierungspraxis-der-gewobag-24296930

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