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Wohnkosten machen Studium zur Besserverdiener-Frage

Die Mietpreise für Studentenunterkünfte steigen rasant. Mancher bleibt bei den Eltern, hilft Senioren im Austausch gegen Unterbringung oder verzichtet auf einen festen Wohnsitz. Der Staat sieht zu.

Kenzo Noss schiebt die Büste mit dem goldschimmernden Kleid Richtung Fenster. Damit sein Besuch sich setzen kann. Aufs Bett. Ein Stuhl wäre Platzverschwendung. Der 20 Jahre alte Modedesignstudent muss sein kleines Zimmer optimal nutzen. Wie eine Trophäe thront eine Nähmaschine auf dem Küchenregal. An der Wohnungstür hängen Stoffe. Die Strickmaschine ist so breit wie das Bett. “Ich bin froh, dass ich das alte Gerät geschenkt bekommen habe. Ich hatte keine Ahnung, woher ich 400 Euro für eine neue nehmen sollte”, sagt Noss.

Trotz der bescheidenen 20 Quadratmeter ist sein Berliner Appartement eigentlich ein Luxus, den er sich nicht leisten kann. 530 Euro Miete kostet es im Monat. Es ist das billigste im Haus. Preise, wie sie das private Studentenwohnheim für seine über 200 Zimmer verlangt, werden selbst im einst billigen Berlin immer üblicher.

Innerhalb eines halben Jahrzehnts sind die Wohnkosten in vielen Universitätsstädten explodiert. Laut einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) ist Berlin mit einem Plus von fast 30 Prozent seit 2010 Spitzenreiter. In München sind Studentenbuden ebenfalls um 20 Prozent teurer geworden, in Bremen und Kiel um 13,4 beziehungsweise 13,2 Prozent. Die Preissteigerungen sind Folge eines schrumpfenden Angebots. In Berlin, Frankfurt, Stuttgart, München hat sich die Menge der inserierten Wohnungen innerhalb von fünf Jahren bis zu einem Drittel reduziert.

Nicht mehr die Frage “Wie will ich wohnen?” stellen sich Studenten, sondern “Wo komme ich unter?”. Der Faktor Wohnen beherrscht ihre finanzielle Kalkulation. “Die Studenten müssen einen Großteil ihres Budgets für Wohnen aufwenden, darunter leidet das Studium, die meisten müssen arbeiten gehen”, sagt Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks.

Die gesellschaftlichen Folgen sind gravierend. Wohnkosten sorgen für eine soziale Auslese. Studenten müssen überlegen, ob sie sich ihren Wunschstudienort überhaupt leisten können. Das beeinflusst die Studienwahl und damit den Lebenslauf. Schon treibt die Wohnungsfrage Normalverdiener um.

Für Geringverdiener ist sie existenziell geworden, ob der eigene Nachwuchs studieren kann oder nicht. Die steigenden Wohnkosten drohen alle Bemühungen zunichte zu machen, junge Menschen aus finanziell schwächeren Elternhäusern an die Hochschulen zu holen. Studium wird wieder Sache für Kinder von Besserverdienern.

“Es gibt in den oberen Stockwerken Leute, die für die gleiche Fläche problemlos mehr zahlen als ich”, sagt Kenzo Noss. “Die haben halt reiche Eltern.” Noss genießt dieses Privileg nicht. Seine Mutter arbeitet als Rezeptionistin; sein Vater überweist bloß den geforderten Unterhalt. Die Miete frisst Unterhalt plus Kindergeld.

Für die 650 Euro Studiengebühren, die seine private Hochschule verlangt, hat Noss einen Kredit aufgenommen. Übrig bleiben ihm 450 Euro aus einem Nebenjob. “In dem neuen Kleid stecken Materialkosten von 400 Euro. Ich habe diesen Monat wenig gegessen.” Nach einer billigeren Wohnung hatte Noss, der aus Aachen stammt, über ein halbes Jahr gesucht. “Meine Mutter kann nicht für mich bürgen. Da war schon am Telefon Schluss.” Am Ende war er dankbar, den Wohnheimplatz bekommen zu haben.

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