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Wir müssen die Spekulation stoppen

In Deutschland entstehen so viele Wohnungen wie noch nie. Zu einer Entspannung am Wohnungsmarkt führe das laut Andrej Holm allerdings nicht. Im FR-Interview spricht der Soziologe über das heikle Geschäft mit Wohnraum, die gesellschaftlichen Folgen und das Versagen der Politik.

Herr Holm, im vergangenen Jahr sind in Deutschland 300 000 neue Wohnungen genehmigt worden – ein Rekord. Der Markt funktioniert also prächtig, oder?
Nein, das tut er nicht. An den Stellen, wo wir sie wirklich bräuchten, werden keineswegs genug Wohnungen gebaut. Vor allem aber wird nicht das gebaut, was für die Versorgung der meisten Wohnungssuchenden benötigt würde, nämlich für diejenigen mit wenig Geld.

Warum?
Was wir jetzt beobachten, ist eher eine Marktreaktion: Im privaten Sektor werden ja Wohnungen vor allem dann gebaut, wenn man sehr hohe Erträge aus Verkauf oder Vermietung erzielen kann. Es entstehen also sehr viele Eigentumswohnungen oder teure Mietwohnungen, und das nutzt selbst dort, wo viel gebaut wird, wenig – nehmen Sie nur Städte wie Frankfurt, Berlin, München oder Köln. Das stellt allerdings den Mythos, der mit dem Wohnungsbau in der öffentlichen Debatte verbunden wird, auf den Kopf. Das Bauministerium und die Baulobby behaupten ja immer wieder, dass der Neubau die Mietmärkte entspannen würde. Aber gebaut wird im Moment nur da, wo es sehr teuer ist.

Das Argument lautet, es gebe sozusagen einen Sickereffekt nach unten: Wenn teure Wohnungen entstehen, werden günstigere frei.
Das wird seit Jahrzehnten behauptet, aber es ist bisher nie wissenschaftlich nachgewiesen worden. Wo die Mieten steigen, wird es auch bei der Neuvermietung freigewordener Wohnungen teurer. Neubau bedeutet also häufig, dass es am Ende zwei teure Wohnungen gibt: die neu gebaute und diejenige, die zu einem höheren Preis als bisher wieder vermietet wird. Klar, Neubau bedeutet mehr Wohnungen. Aber der behauptete Preiseffekt findet nicht statt.

Nun greift ja der Staat durchaus in den Wohnungsmarkt ein: Wohngeld, Steuererleichterungen, sozialer Wohnungsbau, um nur einige Stichworte zu nennen. Das hat mit „Markt“ oft wenig zu tun, aber Sie beschweren sich über „systemisches Marktversagen“.
Es ist nicht nur ein Marktversagen, wie man an den steigenden Preisen sieht, sondern auch ein klassisches Politikversagen. Was zum Beispiel als sozialer Wohnungsbau bezeichnet wird, ist im Endeffekt vor allem eine Wirtschaftsförderung für private Investoren, die eine befristete soziale Zwischennutzung akzeptieren. Bei Debatten über steuerliche Förderung geht es immer darum, günstigere Bedingungen für Marktakteure zu schaffen. Und über die Kostenerstattung für Unterkunft nach den Sozialgesetzen sowie das Wohngeld werden jährlich 17 bis 18 Milliarden Euro in den angeblich freien Markt gepumpt.

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