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Hohe Mieten, hoher Zuschuss

In Berlin ist der Anteil der Menschen erschreckend hoch, die Transferleistungen beziehen, obwohl sie arbeiten. In Wedding und Gesundbrunnen, Nord-Neukölln und anderen Stadtteilen trifft das mindestens auf jeden fünften Bewohner zu. Das geht auf dem neuen Monitoring Soziale Stadtentwicklung hervor. „Da gibt es Familien mit Kindern, die trotz Arbeit kaum über die Runden kommen“, sagt der Sozialstadtrat von Mitte, Stephan von Dassel (Grüne). „Gerade jetzt, wo die Mieten auch in Wedding oder Moabit deutlich steigen.“ Aus seinem Wohnhaus im Weddinger Kiez unweit des Sparrplatzes seien schon mehrere Migrantenfamilien ausgezogen und dafür Studenten eingezogen. „In der Folge ändert sich auch das Wohnumfeld“, berichtet von Dassel. Wo früher Spielhallen waren, entstünden nun die ersten Bioläden.

Zwei Seiten der Gentrifizierung

Die früheren Bewohner würden meist in Mehrgeschosser und Hochhäuser in den Außenbezirken ziehen, oder aber in Wohnquartiere mit starker Umweltbelastung zum Beispiel in der Nähe der Stadtautobahn oder in der Einflugschneise von Tegel, sagt der Sozialstadtrat. Um triste Vorstadtsiedlungen oder gar Banlieue wie in Paris zu verhindern, hat von Dassel einen Vorschlag. Bei Transfer- und Hartz-IV-Beziehern sollte es keine generelle Wohngeld-Obergrenze mehr geben, sondern diese sollte angepasst werden an das jeweilige Mietniveau. „Sonst muss ein Aufstocker, der am Hackeschen Markt wohnt, nahezu zwangsläufig in die Außenbezirke ziehen“, sagte er. Große Sorge bereiten ihm ansonsten die Hartz IV-Dynastien zum Beispiel in Wedding, wo ganze Familien seit Generationen von Sozialhilfe leben, teils nebenher noch schwarz arbeiten. „In diesen Familien müssen wir Vorbilder fördern, die lernbegierig sind und einer regelmäßigen Arbeit nachgehen.“

Auch Neuköllns Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) registriert eine Aufwertung der einst verrufenen Altbauquartiere Neuköllner Norden. „Gentrifizierung hat zwei Seiten. Auch eine gute“, sagt Giffey. Lobend hebt sie hervor, dass viele der hochpreisigen Eigentumswohnungen auf dem Areal der Kindl-Brauerei jüngst von Familien aus Neukölln und Kreuzberg gekauft worden sind. „Solche Menschen stabilisieren den Kiez.“ Andererseits finde inzwischen eine Verdrängung in den Neuköllner Süden statt, etwa in die Hochhaussiedlung Gropiusstadt.

Oder zum Beispiel nach Spandau. Frank Bewig (CDU), der dort Sozialstadtrat ist, erkennt seit etwa zehn Jahren, dass in diesen Stadtteil immer mehr Menschen ziehen, die aus der Innenstadt „weggentrifiziert“ wurden. „Viele von ihnen sind Hartz IV –Empfänger und auch Aufstocker“, sagt Bewig. „Deswegen muss in der Innenstadt dafür gesorgt werden, dass nicht nur Neubauten für Besserverdienende entstehen“. Hilfen wie das Quartiersmanagement könnten Fehlentwicklungen nur abfedern, nicht beseitigen. Das sind sich mehrere Kommunalpolitiker einig.

Viele arme Kinder

Auch im Abgeordnetenhaus wird der neue Bericht aufmerksam gelesen. Darin steht unter anderem, dass sich die hohe Zahl von Transferempfängern und armen Kindern verfestigt, während die Arbeitslosigkeit zurückgeht. Dadurch verschärfen sich soziale Gegensätze, besonders in den Außenbezirken.

 

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