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Wärmedämmung wird Sondermüll, Mieter könnten dafür zahlen

Es ist eine Hiobsbotschaft für Immobilieneigentümer – und vielleicht auch für Mieter: Das seit Jahrzehnten zur Wärmedämmung an Häusern eingesetzte Polystyrol, besser bekannt unter seinem Markennamen Styropor, soll in Kürze als gefährlicher Abfall eingestuft werden – jedenfalls, wenn ihm das Flammschutzmittel HBCD beigefügt wurde. Und das war in der Vergangenheit üblich. Polystrol, ein 1949 von BASF entwickelter, aus Erdöl hergestellter Schaumkunststoff, ist das am häufigsten in Deutschland eingesetzte Dämmmaterial. Das Bundesumweltministerium kann zwar noch nicht sagen, ab wann die Dämmstoffplatten mit HBCD als gefährliche Abfälle eingestuft werden. Doch es geht davon aus, dass die dafür nötige Überarbeitung der Abfallverzeichnis-Verordnung voraussichtlich noch im März dieses Jahres in Kraft tritt.

Rechtswirksam im Herbst

Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Florian Pronold (SPD), sagte der Berliner Zeitung: „Grund für die Neubewertung ist die übereinstimmende Einschätzung auf internationaler Ebene, dass HBCD gefährlich für die Umwelt ist.“ HBCD könne die Embryonal- und Säuglingsentwicklung stören und sei giftig für Gewässerorganismen wie Algen. Der Stoff kann in der Umwelt schlecht abgebaut werden und reichert sich in Lebewesen an. Er sei in Fischen, Meeressäugern und Raubvögeln in arktischen Regionen nachzuweisen. „Das zeigt, dass sich HBCD über große Entfernungen verbreiten kann“, so Pronold.

Rechtswirksam werden soll die neue Einstufung voraussichtlich im Herbst dieses Jahres, teilte das Umweltministerium mit. Die Neubewertung hat Folgen: „Die Anforderungen bei der Entsorgung von Dämmstoffen mit HBCD werden in Zukunft höher sein“, sagt Staatssekretär Pronold. „Neben der Pflicht, sie getrennt zu sammeln, dürfen sie nicht mehr recycelt werden.“ Das Material müsse in Sondermüllanlagen so entsorgt werden, dass das HBCD zerstört wird. Zudem müsse ein Entsorgungsnachweis vorliegen. Das dürfte deutlich teurer werden als die bisherige Entsorgung: Bisher werden die Platten meist geschreddert, mit anderen Abfällen gemischt und anschließend in Heizkraftwerken verbrannt. Die Wohnungswirtschaft ist wegen der bevorstehenden Einstufung von HBCD-haltigem Polystyrol als gefährlicher Abfall alarmiert. „Hier werden zusätzlicher Aufwand, Verunsicherung und Kosten entstehen“, warnt der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU).

In welchem Ausmaß der Dämmstoff in Berlin verwendet wurde, lässt sich laut BBU nicht konkret sagen. „Es ist jedoch davon auszugehen, dass bis 2015 einem großen Anteil der in den letzten Jahrzehnten eingesetzten Polystyrol-Dämmstoffe aus Brandschutzgründen HBCD zugesetzt wurde“. Die Einstufung von HBCD-haltigen Polystyrol-Platten als gefährlicher Abfall komme „sehr überraschend“, sagt der BBU. Die Bundesregierung habe noch im Februar 2015 erklärt, dass sie eine Einstufung des Materials als Sondermüll nicht für sinnvoll erachte. Der Bundesrat hat dann aber das Gegenteil beschlossen.

Zwar wird weltweit ein Herstellungs- und Verwendungsverbot für HBCD angestrebt, doch hat die EU-Kommission die Verwendung von Dämmstoffen mit HBCD noch bis August 2017 zugelassen. Damit die Hersteller von Dämmstoffen genug Zeit haben, HBCD zu ersetzen.

Entsorgungskosten umlegbar

Die Wohnungswirtschaft will darauf reagieren. Sowohl für alle Neubauprojekte wie bestehende Bauten empfiehlt der BBU, „mit HBCD versetzte Dämmstoffe nicht mehr einzusetzen“. Für die Mieter ergeben sich zunächst keine Einschränkungen, teilt der BBU mit. „Bei bestimmungsgemäßer Verwendung bleibt HBCD in den Polystyrol-Dämmplatten gebunden und wird nicht freigesetzt.“

Der Berliner Mieterverein (BMV) bezeichnet die Einstufung des HBCD-haltigen Dämmstoffs als gefährlicher Abfall umweltpolitisch als „inkonsequent“. BMV-Geschäftsführer Reiner Wild kritisiert: „Warum untersagt man nicht stattdessen das Verbauen?“ Alternative Dämmstoffe stünden ausreichend zur Verfügung.

Nicht nur für Hauseigentümer, sondern auch für Mieter könnte die Entsorgung des HBCD-haltigen Dämmstoffs teuer werden. „Gibt es in 20 Jahren eine nachholende Modernisierung, weil der Vermieter einen neuen Dämmstoff mit besserer Energieeinsparung aufträgt, werden die Entsorgungskosten des bisherigen Dämmstoffs zu den Modernisierungskosten zählen, so wie dies heute bereits der Fall ist“, sagt Mietervereinschef Reiner Wild. Dann würden die Mieter nach den Kosten für die Modernisierung mit dem HBCD-haltigen Dämmstoff also ein zweites Mal zur Kasse gebeten – für dessen teure Entsorgung.

Kurioserweise ist es nicht das erste Mal, dass Polystyrol Schlagzeilen macht: Ausgerechnet wegen seines Brandverhaltens war der Dämmstoff in den vergangenen Jahren in die Kritik geraten. Denn trotz Flammschutzmittels konnten die Platten Feuer fangen. Deshalb wurden die Bestimmungen für Polystyrol als Dämmstoff verschärft.

Quelle  http://www.berliner-zeitung.de/politik/waermedaemmung-wird-sondermuell–mieter-koennten-dafuer-zahlen-23690528

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