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Ich will kein Eigenheim!

Die soziale Verantwortung wird für privates Profitstreben geopfert

 

Wir hätten versuchen können, einen Kredit aufzunehmen. Gesetzlich steht den Mietern ein Vorkaufsrecht zu. Aber ich bin gern Mieterin. Ich will gar kein Eigentum. Warum wollen Menschen besitzen, was sie im Grunde nur benutzen? Eigentum versaut das Miteinander. Wer besitzt, wohnt verbissen. Die meisten Mieter leben in einem Mietshaus so entspannt wie in einer offenen Beziehung, aus der man sich jederzeit verabschieden und gehen kann, no hard feelings. Eigentümer starten, wenn es dumm läuft, direkt ins zwölfte Jahr einer kaputten Ehe. Dein Nachbar ist ein Arschloch? Pech, dem gehört seine Wohnung ebenso wie dir, der bleibt. Scheidung impossible oder jedenfalls so gut wie .

Eigentum frisst Nerven und Zeit. Mieter nehmen schulterzuckend zur Kenntnis, wenn ihr Boiler jämmerlich verendet. Sie rufen dann ihren Vermieter an, der es richten muss. Eigentümer verbringen Abende bei Eigentümerversammlungen, und wenn eine Mehrheit auf die Idee kommt, dass das Haus dringend einen Hightech-Fahrradständer vor der Tür braucht, müssen alle mitzahlen, selbst wenn sie gar kein Fahrrad haben. Wer will so was? Ich würde Eigentümer gern verachten, aber ich weiß nicht, wen ich dann zu meiner nächsten Geburtstagsparty einladen soll. Lange Jahre über wurde der Finanzinvestor unsere Wohnung nicht los. Wenn er Kaufinteressenten vorbeischickte, gefiel es uns, die Fenster zur U 5 zu kippen und den Wert der Immobilie durch unsere bloße Existenz zu senken: Wir zahlten wenig Miete und teilten unaufgefordert mit, die Kündigungssperrfrist wegen Eigenbedarfs in vollem fünfjährigem Umfang ausnutzen zu wollen. Plus neun Monate regulärer Kündigungsfrist. Macht sechs Jahre, bis ihr unsere Butze in euer Schloss verwandeln könnt. Die meisten Kaufinteressenten lehnten dankend ab. Mieter mit Kündigungsschutz sind für Kaufinteressenten mit Eigenbedarf so was wie die Hausbesetzer des 21. Jahrhunderts.

Wie ist es überhaupt so weit gekommen? Früher waren Bausparverträge und Eigenheime was für Lutscher. Mittlerweile gelten Mieter im gesellschaftlichen Diskurs als Verlierer, die sich die Finanzierung der eigenen Wohnung nicht leisten können. Als Lappen, die nicht begriffen haben, wie krass sich das alles gerade rechnet. In Hamburg wirbt ein Kreditinstitut mit dem Claim “Meine Bank heißt Carsten” für günstige Finanzierungsmodelle. Ein Bankangestellter (Carsten) fordert im Kampagnenvideo: “Ich möchte, dass die Hamburger mehr besitzen statt mieten.” Nun, Carsten, ich hätte gern große Brüste und die Weltrevolution, aber das Leben ist halt kein Wunschkonzert.

Als in den neunziger Jahren alle anfingen, mit Aktien herumzuhampeln, konnte das uns, die es bleiben ließen, egal sein. Aber wenn jetzt jeder drittklassige Finanzberater zur Auskunft gibt, dass es bei der Kapitalanlage zum Immobilienerwerb kaum mehr Alternativen gebe, geht die Wertschöpfung der einen auf Kosten von etwas absolut Existenziellem anderer: der Wohnung, dem Zuhause, dem Lebensentwurf. Man muss ja von Glück sagen, wenn man zu denen gehört, die nur Mieter bleiben wollen. Was ist mit denen, die gar nicht anders können?

Auf dem Immobilienmarkt wird die soziale Verantwortung privaten Profitinteressen geopfert – und das gilt mittlerweile auch als vollkommen legitim. Makler rechnen ihren Kunden vor, wie machbar so eine Finanzierung ist – bei einem Eigenkapitalanteil von 25 Prozent. Das sind selbst bei der geringsten sechsstelligen Summe, für die man in Frankfurt nicht einmal drei Wände bekommt, 25.000 Euro, die nicht jeder auf dem Konto liegen hat. Ansparen können viele diese Summen ihr ganzes Leben nicht. Soll ich auf den Tod meiner Eltern hoffen, um möglichst bald zu erben? Oder mit den anderen Losern, die es nie zu einem Eigenheim bringen werden, nach Nietenhausen ziehen?

Es war nicht leicht, eine neue Wohnung zu finden. Wir haben lange etwas genügend Abgerocktes gesucht: unsanierter Altbau, wo die Vermieter ihre Immobilie nicht zuallererst als Renditequelle begreifen, gern auch eine Genossenschaftswohnung. Wir hätten sogar noch einmal Dielen geschliffen und Tapeten gepopelt. Aber da, wo man noch mieten kann, haben die Eigentümer gerade selbst frisch tapeziert. Raufaser. Im Badezimmer haben sie Fliesen verlegt, gegen die niemand was haben kann, es sei denn, er hätte gern etwas Charmantes. Architektonische Schrullen wie das Frankfurter Bad – oft türlose Nasszellen im Wohnzimmer, in der Küche oder im Flur, die jede Kleinfamilie in die WG-Knie zwingt – haben sie beseitigt. Wir alle kriegen: Zentralheizung, Laminat, E-Herd-Anschluss.

Vielleicht werde ich eines Tages eine Tonne an den Main rollen. Und nur noch wollen, dass man mir aus der Sonne geht.

 

http://www.zeit.de/2015/49/eigentumswohnungen-immobilien-kredit-zinsen-kaufen/seite-2

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