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Die Kleingärten Oeynhausen – reine Wehmut

 

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Veröffentlicht am 29. November 2015

Soll man einen Garten winterfest machen, der den Baggern geweiht ist? Packe ich Pflanzen mollig warm ein, die den nächsten Frühling nicht erleben werden? Einfach weitermachen, als wäre nichts? Inwieweit kann man sich selbst überlisten?

Mir kamen heute die Tränen, als ich Fotos von jedem Quadratmeter meines Gärtchens machte. Damit ich noch weiß, wo was in der Erde schlummert, wenn ich vor dem Kahlschlag zum letzten Treffen lade, an dem sich Pflanzenfreunde meine Schätze aus dem Boden buddeln dürfen. Mir war so weh ums Herz, als ich beobachten konnte, wie die Nachbarin Vlies um die zartesten Gewächse legte und „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ murmelte.

Aber Recht hat sie. Auch ich gärtnere noch, ernte unseren lila Grünkohl, sehe den Meisen beim Naschen am Vogelhäuschen zu. Seufze, wenn ich auf die Knie gehe, um die Christrosenblüten zu fotografieren. Und ich spaziere – wie all die Anwohner – noch immer durch die Gärten. Es kann doch nicht sein, dass ich innerlich den Garten schon aufgebe, bevor es wirklich zu Ende ist. Luft! Ich brauche Luft. Bewegung! Ich brauche Bewegung. Ausgleich! Ich brauche Ausgleich. Und die Schönheit unserer Kolonie mit all ihren Bäumen und noch immer blühenden Blumen brauche ich daher ganz besonders. Ein paar Fotos habe ich dir mitgebracht.

Bei meinem letzten Spaziergangsbericht aus dem Sommer war ich noch so hoffnungsfroh, dass unsere Gartenanlage überleben würde. Und nun ist jeder Tag einer der letzten. 93.000 qm stehen auf dem Spiel und Berlin wird nicht nur um die größte und älteste Anlage Wilmersdorfs ärmer. Diese Stadt beraubt sich auch sehenden Auges eines Stücks ihrer Identität und Attraktivität. Was weg ist, ist unwiederbringlich weg. (Oder hast du schon mal erlebt, dass aus ehemals Industrie- oder Wohnflächen Gärten und Grünflächen neu entstünden? Geplanterweise und politisch erwirkt?)

Paare wie wir, die beide hier studiert haben, Nachwuchs großziehen, Vollzeit arbeiten und sich trotzdem kein Haus mit Garten in der Stadt leisten können, werden an den Speckgürtel gedrängt, wenn sie als Ausgleich zu ihrem Job frische Luft und Betätigung im Freien suchen. Dabei will ich meine Steuern ja hier zahlen und hier einkaufen und die Wirtschaft am Laufen halten. Aber Berlin macht sich für Familien mit Kindern eben nicht sexy, sondern trist und grau. Nebenbei bemerkt: Auch die Wohnungen der auf unser Gartenfläche entstehenden Häuser kann sich das Gros der Bevölkerung sicher nicht leisten. „Bezahlbarer Wohnraum“ ist nicht das, was einem bei einem Quadratmeterpreis „ab 4.000 Euro“ einfällt.

„Hast du dich denn schon bei anderen Kolonien beworben?“, werde ich jetzt häufiger gefragt. Aber wo sollte ich das denn tun? Nach dem so genannten Stadtentwicklungsplan, der in Wirklichkeit nichts entwickeln lässt, sondern nur die Vernichtung von Grünflächen auflistet, sind neun Wilmersdorfer Gartenanlagen bedroht. Auch bei uns Oeynhausenern gibt es Gärtner, die schon mehrere Koloniezerstörungen an der eigenen Scholle miterlebt haben.

Beton statt Bäume – das ist das Motto unserer Regierung. Die eigene Legislaturperiode im Blick statt Nachhaltigkeit. Trocken heiße Sommer auf versiegelten Straßen statt Kinderlachen am Plantschbecken. Einen einzelnen Investor bedienen statt den Willen von 84.000 Wählern eines Bürgerentscheids durchsetzen. Ich bin echt fertig mit Berlin. Nun hoffe ich, dass wenigstens ein paar Gärten in den Verhandlungen mit dem Investor rauszuholen sind. Es kommt auf jeden Quadratmeter an.

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